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Der Kirchenmann:Sterbende Pfarreien erwachen wieder

Stephan Reichel, 64, lebt in München und betreut Pfarreien, die Kirchenasyl gewähren. Im Oktober gründet er den Verein „Matteo“, kirchennah, aber unabhängig.

(Foto: privat)

Stephan Reichel betreut Pfarreien, die Flüchtlingen Kirchenasyl gewähren. Im Oktober gründet er den Verein "Matteo", kirchennah, aber unabhängig.

"Eigentlich wollen wir das Kirchenasyl nicht." Das sagt ausgerechnet einer, der seit Jahren durch die Lande zieht und Pfarreien unterstützt, die Flüchtlinge aufgenommen haben. Stephan Reichel war bis vor Kurzem Kirchenasyl-Koordinator der Evangelischen Landeskirche in Bayern und betrachtet das Kirchenasyl als letztes Mittel. Es solle nur dann zum Einsatz kommen, wenn der Rechtsstaat nicht funktioniere, wenn Flüchtlinge etwa nach Bulgarien, Italien oder Ungarn abgeschoben werden sollen, wo ihnen Prügel und Obdachlosigkeit drohen. Rund 350 Kirchenasyle gibt es derzeit. Nachdem diese Zahl über Jahre gestiegen war, stagniere sie zuletzt, sagt Reichel.

Angela Merkel, die Pfarrerstochter, habe es mit ihrer Politik geschafft, vielen Pfarrgemeinden neues Leben einzuhauchen, erzählt Reichel: "Wir erleben eine unglaubliche Reaktivierung unseres Gemeindelebens, überall dort, wo Flüchtlinge sind." Es gehe um die kern-ethischen christlichen Werte, wie sie im Evangelium stehen: Ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen. Das ziehe viele Menschen an, aus allen gesellschaftlichen Schichten. Reichel: "Ich kenne Gemeinden, wo die Pfarrer sagen, die Gemeinde war schon am Sterben, und jetzt ist sie wieder voll aktiv."

So groß das Engagement, so groß sei aber auch die Enttäuschung in der Kirchenszene. Viele seien "sehr irritiert" angesichts einer inzwischen vorherrschenden Politik von Abschottung und Vergraulung, sagt Reichel. "Da gibt es großen Frust."