bedeckt München 22°

Der Fall Stephanie:Das Versagen der Behörden

Das unfassbare Leiden der 14-jährigen Stephanie aus Dresden hätte vermieden werden können. Eine Reihe von schweren Fehlern der Behörden verhinderte, dass Stephanie vor ihrem Peiniger Mario M. geschützt wird. Eine Chronologie

1992: Eine Ex-Freundin von Mario M. bittet die Polizei nach Angaben des Spiegel um Schutz vor dem gewalttätigen Mann. Die Staatsanwaltschaft Dresden stellt die Ermittlungen ein.

Ein Ende mit Schrecken: Mario M. auf dem Dach des Gefängnisses.

(Foto: Foto: dpa)

Mario M. soll im Jahr 1994 zwei andere Freundinnen vergewaltigt haben. Die beiden Frauen trauten sich jedoch nicht zur Polizei zu gehen.

Juli 1999: Mario M. vergewaltigt eine 14-Jährige, die ihren Hund spazieren führen will. Er wird zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, weil er als Ersttäter gilt.

2002: Eine psychiatrische Gutachterin bescheinigt Mario M. laut dem Spiegel, dass "eine gleichgelagerte oder ähnliche Tat eher nicht zu erwarten" sei. Er wird vorzeitig entlassen.

2004: Mario M. wird wegen Körperverletzung zu einer Geldstrafe verurteilt.

11. Januar: Stephanie wird morgens um 7 Uhr auf dem Weg zur Schule in ein Auto gezerrt und in eine Wohnung nur 500 Meter vom Elternhaus entfernt verschleppt. Die Eltern alarmieren die Polizei.

12. Januar: Die Ermittler veröffentlichen einen Fahndungsaufruf. Die Familie hängt Suchplakate auf. Die Polizei sucht vergebens nach dem Teenager und vermutet familiäre Probleme.

2. Februar: Erst nach drei Wochen wird die Ermittlung ausgeweitet in Richtung Kindesmissbrauch. Es passiert ein verhängnisvoller Fehler: Ein Kripobeamter gibt beim Durchsuchen der Datei für Sexualstraftäter einen falschen Suchbegriff ein. Mario M. fällt durch das Raster.

9. Februar: Die Eltern setzen 5000 Euro Belohnung für Hinweise aus.

15. Februar: Ein Passant findet einen der Zettel, auf denen die Gymnasiastin ihren Aufenthaltsort nennt und um Hilfe fleht. Stephanie hatte den Zettel bei nächtlichen Ausgängen mit ihrem Entführer fallen gelassen. Die Polizei prüft die angegebene Adresse im Computer und stellt fest, dass dort der Sexualstraftäter Mario M. gemeldet ist.

Mario M. öffnet nicht die Tür, aber in der Wohnung brennt Licht. Die Polizisten rufen nicht ein Sonderkommando, sondern einen Schlüsseldienst. Die Befreieung von Stephanie verzögert sich, das Kind leidet Todesängste, nur durch Glück nutzt Mario M. die Zeit bis zu seiner Festnahme nicht, um das Mädchen umzubringen.

16. Februar: Gegen den vorbestraften Verdächtigen wird Haftbefehl wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern, Freiheitsberaubung und Körperverletzung erlassen. Vorwürfe über Ermittlungspannen werden laut.

28. Februar: Innenminister Albrecht Buttolo (CDU) räumt Fehler bei der Polizeirecherche ein.

11. September: Stephanie äußert sich im Nachrichtenmagazin Der Spiegel über ihr Martyrium. Die Bild berichtet über Wochen detailiert über das Leiden von Stephanie. Der sonst übliche Opferschutz wird in diesem Fall nicht eingehalten.

14. September: Stephanie gibt in der ZDF-Sendung "Johannes B. Kerner" ein Interview. Die Eltern und ihr Anwalt begründen den Gang in die Öffentlichkeit und ihre Forderung, dass Stephanie aussagt, damit, dass nur so der Peiniger ihrer Tochter für immer hinter Gitter komme.

16. September: Stephanies Familie fordert im Nachrichtenmagazin Focus vom Freistaat Sachsen Schadenersatz und Schmerzensgeld wegen polizeilicher Fahndungspannen.

28. September: Die Staatsanwaltschaft Dresden erhebt Anklage gegen den 36-Jährigen.

19. Oktober: Das Land Sachsen lehnt die Zahlung von Schadenersatz an Stephanies Familie ab.

06. November: Unter großem öffentlichen Interesse beginnt vor dem Dresdner Landgericht der Prozess gegen den arbeitslosen Anlagenbauer. Am ersten Verhandlungstag randaliert der Angeklagte und kann von sechs Beamten nur mit Mühe fest gehalten werden.

08. November: Der Angeklagte nutzt einen morgendlichen Hofgang, um auf das Dach der JVA zu klettern. Stundenlang hält er Justiz und Öffentlichkeit in Atem. Stephanies Vater wirft den Behörden vor, die Gefährlichkeit des Mannes noch immer nicht erkannt zu haben.