Der Fall Leonarda:"Hier kenne ich doch niemanden"

Das andere Problem ist, dass fast alles im Fall Leonarda nach Recht und Gesetz geschah. Die Familie Dibrani war im Januar 2009 illegal aus Kosovo eingereist, hatte vergeblich Asylanträge beantragt, mehrere Prozesse verloren. Seit dem 19. Juni lag bei den Dibranis das Schreiben von der Präfektur auf dem Tisch: der Ausweisungsbefehl. Seit September lebten Mutter und Kinder bereits allein; der Vater, bei einer Polizeikontrolle zufällig aufgegriffen, saß in einem Abschiebelager.

Am 8. Oktober wurde Vater Dibrani ausgewiesen, am 9. Oktober stand die Polizei bei der Familie vor der Tür. Doch Leonarda war nicht da. Das Mädchen hatte bei einer Freundin übernachtet, war frühmorgens mit ihrer Klasse in einen Bus gestiegen und zu einem Schulausflug aufgebrochen. Übers Handy erreichten die Beamten Leonarda und ihre Lehrerin: Die Pädagogin protestierte zwar, aber der Bus musste stoppen, Leonarda aussteigen - und landete noch am selben Tag in Kosovo.

Dass die Ordnungskräfte so weit gingen, Leonarda im Rahmen einer Schulveranstaltung und vor den Augen ihrer Klassenkameraden abzuholen, dieses Detail löst besondere Empörung aus. Sogar der Erziehungsminister protestierte.

Keiner traut sich: Heißes Eisen Asylpolitik

Premierminister Jean-Marc Ayrault spürt, wie sehr es in den eigenen Reihen gärt und ordnete ein interne Untersuchung an. Falls Fehler gemacht worden seien, so der Regierungschef, müsse Leonarda samt Familie zurückkommen dürfen. Das wiederum empört die (eher wenigen) Freunde von Innenminister Valls, die fürchten, eine solche Entscheidung sei "Wasser auf die Mühlen des Front National", der rechtsextremen Partei, die seit Monaten im Aufwind ist.

An eine wirkliche Lösung, eine Reform des Asyl- und Ausländergesetzes, mögen sich die Sozialisten nicht wagen. Nicht vor den Wahlen im Frühjahr 2014. Die einzige Verbesserung für Menschen wie Leonarda hatte ausgerechnet der umstrittene Minister Valls eingeführt: Per Verwaltungsanweisung verfügte er, dass Ausländer nach fünf Jahren Aufenthalt eventuell bleiben können. Den Dibranis fehlten für diese neue Chance also nur zweieinhalb Monate.

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