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Duma-Abgeordneter Ilja Ponomarjow:Einer gegen alle

Ilja Ponomarjow auf einer Pressekonferenz in Moskau

(Foto: AFP)

Er sagt über die Annexion der Krim: "Für diesen Fehler werden noch künftige Generationen bezahlen müssen." Ilja Ponomarjow war der einzige Abgeordnete der Duma, der gegen die Angliederung an Russland gestimmt hat. Nun fragt alle Welt: Wer ist dieser Mann?

Als die Duma am Donnerstag den Vertrag über die Eingliederung der Krim in die Russische Föderation billigte, fühlten sich manche Kommentatoren an ein Lied des legendären sowjetischen Schauspielers und Barden Wladimir Wyssozkij erinnert, eine Hymne auf "den einen, der nicht geschossen hat". 445 Abgeordnete hatten für die Annexion gestimmt, vier waren der Abstimmung fern geblieben, es gab keine Enthaltung - und eine einzige Gegenstimme: die von Ilja Ponomarjow.

Der 38-Jährige ist einer von zwei Abgeordneten, die im russischen Parlament noch versuchen, so etwas wie Opposition zu machen. Der andere, Dmitrij Gudkow, war der Abstimmung ferngeblieben und erklärte das später mit dem tiefen Riss, der seinen Bekanntenkreis und seine Wähler in dieser Frage trenne; eine Erfahrung, die viele Liberale derzeit machen. Er zweifle nicht am Wunsch der meisten Bewohner Russlands und der Krim, erklärte Ponomarjow später. Die Halbinsel sei russisch und gehöre auch in die Russische Föderation. Moskaus Vorgehen aber werde den Hass auf Russland in der Ukraine anstacheln und das Land international isolieren.

Alles andere als ein Held

"Unsere Geschichte hat nicht gestern begonnen, und sie wird nicht morgen enden. Für diesen Fehler werden noch künftige Generationen bezahlen müssen."

Der IT-Unternehmer Ponomarjow ist alles andere als ein Held der Kreml-Gegner. Eher ist er ein Beispiel dafür, wie zerstritten und von Misstrauen zersetzt die verbliebenen Akteure der Protestbewegung nach zwei Jahren sind. Damals half er, die Demonstrationen gegen die gefälschten Wahlen zu organisieren, sprach auf Kundgebungen, rief den Koordinierungsrat der außerparlamentarischen Opposition ins Leben. Der hat sich vor einem halben Jahr in Streit und Resignation aufgelöst. Dutzenden Demonstranten wurde inzwischen der Prozess gemacht. Dafür, dass Ponomarjow Putin im Herbst ein Versöhnungsangebot gemacht und im Gegenzug eine Amnestie für die angeklagten Demonstranten gefordert hat, wurde er als Verräter beschimpft. Man sollte ihn "mit Fußtritten davonjagen" schimpfte der oppositionelle Blogger Alexej Nawalny.

Die Schelte seiner einstigen Mitstreiter aus der Opposition sei "Kinderkram" gewesen im Vergleich zu dem, was er jetzt erleben musste, sagte Ponomarjow am Freitag. Man solle ihn wegen "staatsfeindlicher Ansichten" aus dem Parlament auszuschließen, forderten Abgeordnete der Schirinowski-Partei LDPR. Er habe "gegen die Interessen des Staates gehandelt" und habe damit "Nazisten gedient, die das Land spalten wollen", hieß es in einer Erklärung. Die Partei Gerechtes Russland, aus der Ponomarjow 2013 ausgetreten ist, forderte, Parteien sollten Abgeordneten ihre Rechte entziehen dürfen, wenn sie gegen die Parteilinie handeln.

Wyssozkijs Lied über den einen, der sich weigert zu schießen, hat ein tragisches Ende; vielleicht ein passendes: Der Held wird selbst erschossen.

© SZ vom 22.03.2014/webe

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