Der Deutsche Herbst - Tag 39/40 Die "Landshut" wird entführt

13./14. Oktober 1977: Am Donnerstag bringen vier Palästinenser den Lufthansa-Flug LH 181 von Palma de Mallorca nach Frankfurt in ihre Gewalt. Einen Tag später ist klar: Entführer und RAF arbeiten zusammen.

Von Robert Probst

Donnerstag: In einer Analyse der Wochenzeitung Zeit heißt es: "Das Drama spitzt sich zu." Helmut Schmidt plagten schon düstere Ahnungen, als sechs Mitglieder der japanischen Roten Armee am Montag vergangener Woche ihr Geiselunternehmen mit einem Erfolg beendeten: Sie durften in Algier landen.

Das letzte Bild des Piloten - In der offenen Kabinentür der entführten Lufthansamaschine Landshut sitzt der Pilot, Jürgen Schumann, am 15. Oktober 1977, auf dem Flughafen von Dubai, Vereinigte Arabische Emirate.

(Foto: Foto: AP)

Das könne dazu führen, argwöhnte der Kanzler gegenüber einer Runde von Chefredakteuren beim Tee tags darauf, daß der Knoten sich schneller schürze, als die Regierung gehofft habe. Und dazu, daß der ,Gegner' in ein paar Tagen daraus Konsequenzen für sein ferneres Verhalten ziehe."

Die RAF freilich hat schon seit Wochen eine weitere Eskalationsstufe geplant. In der zweiten Septemberhälfte hatte der Chef des "Spezialkommandos der Volksfront für die Befreiung Palästinas" (PFLP), Wadi Haddad, den Terroristen eine Flugzeugentführung vorgeschlagen, um deren Forderungen im Entführungsfall Schleyer mehr Nachdruck zu verleihen. Die Deutschen akzeptieren das Angebot und helfen bei der Vorbereitung und der Lieferung von Waffen.

Am frühen Nachmittag bringen vier Palästinenser - zwei Männer und zwei Frauen - den Lufthansaflug LH 181 von Palma de Mallorca nach Frankfurt in ihre Gewalt. An Bord der Boeing 737 mit Namen Landshut sind zudem 82 Passagiere und fünf Besatzungsmitglieder.

Keiner der Entführer ist älter als 23

Die Kidnapper sind im Besitz von zwei Pistolen, vier Handgranaten und etwa 500 Gramm Plastiksprengstoff, die sie in Kosmetikkoffern und einem Radio versteckt hatten. Die Kontrollen am Flughafen von Palma gelten als lax, eine Röntgenschleuse zur Gepäckdurchleuchtung gibt es nicht, die Passagiere werden lediglich abgetastet.

Das Kommando der Luftpiraten führt Zohair Yousif Akache, Student der Flugzeugtechnik und Mörder des früheren Ministerpräsidenten des Nordjemen, ausgebildet in den Terrorcamps der PFLP.

Er lässt sich als "Captain Martyr Mahmud" ansprechen. "Wer sich widersetzt, wird sofort exekutiert", schreit er auf Englisch über Bordlautsprecher. Keiner der vier Hijacker ist älter als 23.

Akache zwingt Kapitän Jürgen Schumann den Kurs zu ändern. Im Anflug auf Rom teilt Akache dem Tower mit: "Wir verlangen die Freilassung unserer Kameraden in deutschen Gefängnissen."

Nach einem Tankstopp verlässt die Landshut Rom nach zwei Stunden wieder - obwohl Innenminister Werner Maihofer seinen italienischen Kollegen gebeten hat, dies zu verhindern. Knapp drei Stunden später setzt die Maschine in Larnaka auf Zypern auf.

Auch hier erzwingt Akache die Betankung mit der Drohung, er werde sonst das Flugzeug sprengen. Die Landshut fliegt wieder los - doch die Flughäfen Beirut, Damaskus, Bagdad und Kuwait verweigern die Landung.

Freitag: Nach 2 Uhr wird die Vermutung der Verantwortlichen in Bonn Gewissheit - die Flugzeugentführer und die Schleyer-Entführer arbeiten Hand in Hand. Kontaktmann Denis Payot übermittelt mehrere Botschaften:

Die "Organisation für den Kampf gegen den Weltimperialismus" und das "kommando siegfried hausner, raf" bekräftigten die Forderung nach Freilassung von elf inhaftierten RAF-Häftlingen - die Mitteilungen sind auf derselben Schreibmaschine entstanden.

Die Palästinenser fordern zusätzlich die Freilassung zweier "Genossen" aus türkischen Gefängnissen und 15 Millionen Dollar Lösegeld. Die Terroristen sollen bis zum 16. Oktober, 9 Uhr MEZ, nach Vietnam, Somalia oder Südjemen geflogen werden. Anderenfalls würden Schleyer und die Menschen in der Landshut "augenblicklich getötet".

Die RAF teilt mit: "wir haben helmut schmidt jetzt genug zeit gelassen, um sich in seiner entscheidung zu winden . . . jegliche verzögerung bedeutet den tod schleyers." An diverse Medien wird ein Polaroidfoto Schleyers geschickt. Er hält ein Schild mit der Aufschrift "13.10.77".

Schläge und Drohungen für die Passagiere

In der Nacht landet die Lufthansa-Maschine in Bahrein, nach einem Tankstopp fliegt sie weiter nach Dubai. Erst in letzter Minute lässt der dortige Tower die gesperrten Landebahnen räumen. Die Entführer lehnen es ab, Frauen, Kranke oder die sieben Kinder an Bord, freizulassen.

Akache ist launisch: Mal bedroht und schlägt er Passagiere, die er für Juden hält, im nächsten Augenblick bestellt er eine Torte und Champagner für eine Flugbegleiterin, die Geburtstag hat.

Das Bundeskabinett trifft eine "staatspolitische Entscheidung": Auf die Forderungen wird nicht eingegangen. Es "soll alles mögliche unternommen werden, die Geiseln zu retten, einschließlich einer polizeilichen Befreiungsaktion".

Schmidt ermächtigt Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski alle diplomatischen Mittel auszuschöpfen. "Ben Wisch" mit seinen guten Kontakten in die arabische Welt fliegt nach Dubai.