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Demos in Chemnitz:Der Trauermarsch von AfD und Pegida kämpft mit Problemen

400 Meter weiter, vorm Karl-Marx-Monument (oder Nischel, wie es auf Sächsisch heißt) buhen sie, wenn der Name Ludwig nur erwähnt wird. "Wir sind Bürger keine Nazis" steht auf Schildern, Deutschlandfahnen werden geschwenkt. Martin Kohlmann vom rechtspopulistischen Bündnis "Pro Chemnitz" ruft: "Trauer allein reicht nicht nach einem bösartigen Mord". Gern möchte er von der "Lügenpresse" mit dem Spruch zitiert werden: "Nehmt ihnen die Messer, sonst nehmen wir euch die Ämter." Es folgen das fast schon obligatorische "Merkel muss weg", gegen 16.30 Uhr löst sich die Versammlung auf, damit sich die "freien Bürger" dem Trauermarsch von AfD und Pegida anschließen können.

Und auch der kämpft zunächst mit Problemen, es dauert, bis sich die schwarz gekleideten Menschen mit den weißen Rosen in Bewegung setzen. Die AfD hatte ihre Anhänger aufgerufen, ein würdiges Bild abzugeben: "kein Konsum von Nahrungsmitteln und Getränken, ebenso hat das Rauchen zu unterbleiben. Lediglich schwarz-rot-goldene Fahnen und die weiße Rose als Zeichen der Trauer sind gestattet." Schwieriger als gedacht. "Achtung Fahnenträger", schnarrt es aus dem Megaphon, "achten Sie bitte darauf, die Deutschlandfahne richtig herum zu halten." Einer schafft es dann doch nicht, er muss extra ermahnt werden.

Dann marschieren sie. Björn Höcke, AfD-Fraktionsvorsitzender im Thüringer Landtag, an der Spitze, mit ihm Pegida-Gründer Lutz Bachmann, vor ihnen Bilderträger, die Porträts von Menschen hochhalten, die angeblich von abgelehnten Asylbewerbern getötet wurden, die "Toten der Herrschaft des Unrechts". Dutzende Ordner bewachen den Zug, mindestens 4500 Teilnehmer bilanziert die Stadt später. Immer wieder loben die Veranstalter "Ordnung und Disziplin der Trauernden". Die Absicht ist klar: Wenn es heute Krawall gibt in Chemnitz, dann wollen Pegida und AfD als die Besonnenen dastehen. Das Konzept funktioniert so lange, bis die Versammlung gegen 19.15 Uhr aufgelöst wird. "Widerstand, Widerstand", brüllt die Menge und "Räumen", sie beruhigt sich kurz durch das Absingen der Nationalhymne, einige tragen die erste Strophe vor.

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Immer wieder fallen Worte wie "Staatsversagen" oder gar "Bürgerkrieg"

Als die Polizei die Teilnehmer bittet, nach Hause zu gehen, brüllen die zurück. "Geht ihr doch!" Und immer wieder "Volksverräter"-Rufe, die sich mit dem Wendeslogan "Wir sind das Volk" abwechseln.

Kornelia Müller ist auch das Volk, sie schaut den Rechten zu, hat vorher die Kundgebung von "Chemnitz nazifrei" gesehen. Ihre Sympathien liegen eher bei den Rechten, auch wenn sie nichts von der AfD hält. Was sie am meisten empört ist die Berichterstattung über Chemnitz: "Wir sind nicht der Mob, auch wenn die Presse das so darstellt." Niemand solle ihr erzählen, die Stadt sei sicher. Und dann folgt eine Geschichte, die viele Chemnitzer erzählen. Selbst habe man keine schlechten Erfahrungen in der Stadt oder mit Ausländern gemacht, aber Kollegen und Freunde erzählten davon. Und denen glaube man mehr als der Presse.

Ungerecht behandelt fühlen sich im Umfeld der Pegida-Demonstration alle, die Polizei schütze die Linken. Immer wieder fallen Worte wie "Staatsversagen" oder gar "Bürgerkrieg", die Stimmung ist agressiv, "es muss mal richtig krachen".

Nur langsam löst sich gegen 20 Uhr die Menge auf, später lässt die Polizei die Menschen zu dem Ort vor, an dem am Sonntag Daniel H. mutmaßlich von einem Iraker und einem Syrer erstochen wurde. "Daniel, Daniel" wird gerufen, wieder singen sie die Nationalhymne.

Am späteren Abend zieht die Stadt Bilanz: 17 Einsätze gab es für den Rettungsdienst, elf Menschen mussten ins Krankenhaus gebracht werden, 4000 Teilnehmer zählt sie für "Herz statt Hetze", 4500 für Pro Chemnitz, Pegida und AfD. Gar nicht so einfach, Herz zu zeigen.

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