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Demonstrationen weltweit:Junge Leute wachen auf

In Brasilien gab es bei den WM-Vorbereitungen sogar positive Ansätze in dieser Richtung. Etwa soll in São Paulo ein Grüngürtel geschaffen werden, der von Guarulhos bis zum Stadion reicht. Einige Favelas müssen weichen. Die Menschen bekommen bessere Häuser dafür, was im Grunde für sie in Ordnung wäre - wenn man sie denn vorher ausreichend informiert hätte. Ist das Überempfindlichkeit? Nein, das Verlangen nach mehr Partizipation zeugt von demokratischer Reifung breiter Gesellschaftsschichten.

In Madrid kam der Protest gegen die Auswüchse einer einseitig an Wachstum und Konsum ausgerichteten Politik zu spät, er setzte erst ein, als die Katastrophe schon eingetreten war. Dort wirft die Generation der heute 30-Jährigen den eigenen Eltern vor, sich nach der Demokratisierung nach 1975 nur um ihr eigenes materielles Fortkommen in den bestehenden, korrupten und letztlich unproduktiven Strukturen gesorgt zu haben. Sie hätten es sich nach vermeintlich getaner Arbeit gemütlich eingerichtet in einem System, das auf Sand gebaut war und das dem Nachwuchs nun keine Basis für eigene Lebensentwürfe mehr bietet.

In Brasilien oder der Türkei sind die jungen Menschen früher aufgewacht, was daran liegt, dass ihr Aufstieg nicht unter dem so schützenden wie gängelnden Mantel einer EU geschah. Sie haben berechtigte Angst vor dem Platzen einer Blase, und sie haben sehr genau zugesehen, was in Spanien passierte. Sie spüren, dass der wirtschaftliche Fortschritt labil ist, wenn er nicht von einer gefestigten, staatsbürgerlichen Gemeinschaft getragen wird. Den Patriarchen, die das System geschaffen haben, trauen sie nicht zu, es zu verwalten. Es ist kein Zufall, dass die Proteste am lautesten sind in Ländern, die zu Clanstrukturen neigen, von Ägypten über Spanien und Brasilien bis in die Türkei. Es sind Länder, in denen die Familie bislang den Staat weitgehend ersetzte.

Neuer Individualismus

Durch die Globalisierung hat der neue Mittelstand den Individualismus entdeckt, seine Vorzüge und Nachteile. Der Individualismus sagt: Du kannst etwas werden, auch ohne Clan. Der Nachteil: Die Jungen spüren, dass der Clan ihnen womöglich im globalisierten Wettkampf keinen Schutz mehr bietet, ja dass er hinderlich wird, weil er den Blick auf die Welt mit seinen schützenden und einsperrenden Mauern verbaut. In Clanstrukturen wird man nicht nach individueller Leistung beurteilt, sondern nach der Frage, die in Italien sprichwörtlich ist: Ma chi ti conosce? Aber wer kennt Dich?

Nach dem Prinzip des "Wir-kennen-uns" werden Großprojekte ausgemauschelt, wie die pharaonischen Projekte im Spanien, die WM-Stadien in Brasilien, Einkaufszentren in der Türkei. Clanstrukturen neigen zu Größenwahn und Ikonografie, sie sind ineffizient - und sie stehen gemeinschaftlichen Einrichtungen wie öffentlichen Verkehrsmitteln im Wege, denn der Clan fährt seine Mitglieder im Auto herum.

Patriarchalische Systeme decken darüber hinaus Missstände, wie in Indien, wo es erst nach der Gruppenvergewaltigung einer aus der Armut aufgestiegenen Mittelschichts-Studentin zu Massenprotesten kam. Und patriarchalische Systeme sind korrupt: Die Eindämmung der Korruption ist eine der zentralen Forderungen von Sofia bis Rio. Somit steckt auch ein Stück weit Selbsterkenntnis in dieser Revolution. Es ist der Versuch, die eigenen Verhältnisse von innen heraus zu ändern, was den Prozess schwierig, langwierig und schmerzhaft macht.

Abwehrreflexe der alten Eliten

Der Überdruss mit patriarchalischen Strukturen bringt mit sich, dass die neue Protestbewegung keine neuen Führungsfiguren will. Die Proteste seien nicht mehr von Gewerkschaften oder Lobbys mit langen Forderungslisten getragen, stellt der Economist dieser Tage nicht ohne Verwunderung fest. Jeder, der versucht, die Proteste zu instrumentalisieren oder parteipolitisch auszuschlachten, wie etwa die spanischen Sozialisten oder die brasilianische Rechte, wird gnadenlos ausgebuht. So trägt der Protest anarchische Züge, die es so schwierig machen, mit ihm umzugehen. Das ist es, was die alteingesessenen Eliten rund um den Globus nachhaltig verwirrt.

Bislang üben die meisten Anführer sich in Abwehrreflexen. Sehr beliebt ist es, Demonstranten in die Nähe von Terroristen zu rücken. Ein gefährliches Spiel. In welchen Zuständen solche Diskurse enden können, sieht man an Dilma Rousseffs Fahndungsakte. Doch dieser Protest lässt sich nicht mehr so leicht im Verborgenen mit Gewalt unterdrücken wie in den 1970er Jahren in Südamerika. Das ist eine der größten Errungenschaften der digitalen Welt.

Der digitale Austausch ist auch längst keine Domäne der Mittelschicht mehr: In Kambodscha demonstrierten Textilarbeiter gegen Billiglöhne mit ausdrücklichem Verweis auf ähnliche Zustände in Bangladesch. Es ist der Protest derer, die durch die Globalisierung zu essen haben und nun fürchten, von der Globalisierung gefressen zu werden. Das lässt darauf schließen, dass man bald mehr davon sehen wird. Auch der Economist stellt fest: Politische Anführer in Moskau, Riad und Peking sollten auf der Hut sein - alle eben, die so weiterwursteln wollen wie bisher.

Und was ist eigentlich in Deutschland? Hannah Beitzer erklärt in diesem Text, warum junge Deutsche so wenig protestieren.

© Süddeutsche.de/beitz/kjan

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