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Demokratiebewegung in Hongkong:Geschlagen, aber nicht besiegt

A demonstrator shouts slogan as he is taken away by police officers at an area previously blocked by pro-democracy supporters, outside the government headquarters in Hong Kong

Letztes Zeichen des Aufbegehrens: Ein Demonstrantwird bei der Räumung von Polizisten abgeführt.

(Foto: Reuters)

Das Stadtzentrum ist geräumt, die Proteste für mehr Demokratie zunächst gebrochen. Doch Hongkong wird nicht mehr dieselbe Stadt sein. Der beeindruckende Widerstand gegen Pekings korrupte Herrschaft wird weitergehen.

Am Ende fiel das Banner, auf dem es hieß: "Das ist erst der Anfang." Die Straßen von Hongkong sind nun wieder frei. Und Hongkong selbst? Enttäuschung, Frustration, Resignation, das ist die Stimmung unter den Demonstranten, die zwei Monate durchhielten. Keinen Millimeter hat ihre Regierung, hat China nachgegeben. Deren Taktik ist auf den ersten Blick aufgegangen. Die Proteste liefen sich tot. In Peking werden sich die Parteiführer gratulieren: Sie sind hart geblieben.

Ihr Apparat für Zensur und Desinformation hat das Virus der Rebellion vom eigenen Volk ferngehalten, hat Chinas Bürger sogar erfolgreich gegen Hongkongs Studenten aufgebracht. In Hongkong reibt sich vielleicht nun Regierungschef Leung Chun-ying die Hände, feiert einen Sieg. Dabei geht keiner geprügelter aus diesem Jahr hervor als er, der den Bürgern Hongkongs die schmerzlichste Erinnerung daran ist, was alles falsch läuft in ihrer Stadt.

Proteste in Hongkong Polizei räumt zentrales Protestcamp in Hongkong
Demokratie-Bewegung

Polizei räumt zentrales Protestcamp in Hongkong

In Hongkong lassen die Behörden die letzten Barrikaden abbauen. Die Demokratiebewegung sieht sich aber nicht am Ende. Die Demonstranten kündigen bereits ihre Rückkehr an.

Die Studenten werden eine Weile brauchen, um sich von ihrer Enttäuschung zu erholen. Und dann werden sie sehen: Sie haben doch Gewaltiges erreicht. Hongkong wird nicht mehr dieselbe Stadt sein. Die Hongkonger, die man einst - auch weil es den Herrschenden passte - stets mit den Adjektiven unpolitisch, pragmatisch und geldfixiert abstempelte, sind aufgewacht.

Peking wird nun wohl versuchen, seine Kontrolle in den kommenden Monaten und Jahren zu verstärken, den Druck auf Zeitungen, Universitäten und Schulen zu erhöhen, den Hongkongern ihre Freiheiten noch mehr zu beschneiden. Aber dass die Demonstranten nun die Straßen im Regierungsviertel aufgeben, heißt nicht, dass die Hongkonger das Ringen um mehr Demokratie aufgäben.

Die Unfähigkeit und Taubheit der Hongkonger Regierung, die Härte Pekings hat eine ganze Generation von Schülern und Studenten entflammt. Daran werden die Regierenden zu kauen haben für Jahre und Jahrzehnte.

Widerstand gegen Peking wird weitergehen

Die Hongkonger können stolz sein, sie haben nicht nur sich, sie haben die Welt erstaunt. Sie haben mit ihrem so wohlgeordneten, gewaltlosen und kreativen Protest eine Reife an den Tag gelegt, wie man auf dem Tahrir-Platz in Kairo und wohl auch auf dem Tiananmen in Peking vor 25 Jahren nicht gesehen hat. Sie haben sich da auch einiges abgeschaut bei den Sonnenblumenrebellen in Taiwan im Frühjahr.

In Hongkong und in Taiwan zeigt sich, wonach Chinesen streben und wozu sie fähig sind, wenn man sie nur lässt - in Freiheit und ohne Gehirnwäsche. Was in Hongkong diesen Sommer geschah ist der fulminante Gegenbeleg zu der von Peking unermüdlich wiederholten und von ignoranten Besuchern nur allzu oft nachgeplapperten These, derzufolge Chinesen nicht geschaffen seien für die Demokratie.

Tatsächlich muss man nach den vergangenen zwei Monaten sogar sagen, dass es wohl wenige Völker auf der Erde gibt, die so sehr geschaffen sind, sich spontan, friedlich und zivilisiert zu organisieren, wie die Hongkonger. Die Krise der Stadt - sie brachte das Beste in ihren Bürgern hervor.

Kein allzu ruhiger Schlaf für Regierungschef Leung

Die Studenten haben diese Schlacht verloren, andere werden folgen. Möglich, dass das Ringen viele Jahre dauert. Doch die Wurzeln des Unmuts, der weite Teile der Hongkonger Gesellschaft erfasst hat, bleiben: die Korruption, die sich eingeschlichen hat; die Unterwanderung der Freiheiten durch China; die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich.

Hongkong ist heute eine der ungleichesten Städte der Erde, weil die Regierung mithilfe von Pekings Kommunisten eine Politik allein für die Superreichen gemacht hat. Und mit einem Mal hat Hongkong Bürger, die einen Geschmack davon bekommen haben, zu was sie fähig sind. Allzu ruhigen Schlaf darf sich Hongkongs Regierungschef Leung nicht mehr versprechen.