Deutscher Katholikentag:"Grundsätzlich wollen wir, dass gestört wird"

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Zu laut gegen den Kanzler: Einer der Protestierer wird aus dem großen Saal des Erfurter Theaters geleitet. (Foto: Kai Pfaffenbach/dpa)

Bei seinem Auftritt in Erfurt ruft der Kanzler zur Empörung gegen Rechtsextremismus auf - und wird durch Zwischenrufe demonstrierender Klimaschützer unterbrochen. Den Veranstaltern passt der Protest durchaus ins Konzept.

Von Johannes Bauer, Erfurt

Mit 800 Plätzen ist der große Saal im Erfurter Theater die größte Bühne, die der Deutsche Katholikentag zu bieten hat. Offensichtlich wissen das auch die sechs Klimaaktivisten, die sich im Publikum verteilt haben. "Gemeinschaft stärken, Gesellschaft gestalten - Unsere Verantwortung für die Demokratie" heißt die Veranstaltung, zu der sich neben Bundeskanzler Olaf Scholz auch die Präsidentin des Deutschen Caritasverbands, Eva Maria Welskop-Deffaa, und der Soziologe und Rechtsextremismusforscher Matthias Quent hier eingefunden haben. Reden wird dann aber vor allem Scholz.

Dabei geht es zunächst natürlich wieder um das Sylt-Video, auf dem einige junge Leute rechtsextreme Parolen grölen. Scholz erneuert seine Kritik daran: "Wir müssen immer empört sein, wenn solche Äußerungen stattfinden." Das müsse unabhängig davon geschehen, aus welchem Milieu diese fielen: "Es bleibt eine Daueraufgabe." Der Soziologe Quent weist auf die gesamtgesellschaftliche Entwicklung hin, die hinter den Parolen stecke - und spannt den Bogen zur AfD. Bei der rede man oft über Ostdeutschland, "zahlenmäßig leben die allermeisten AfD-Wähler aber in Westdeutschland", sagt er. Den ersten Applaus im Saal erhält dann die Caritas-Chefin Welskop-Deffaa, als sie sagt, das "Aufscheinen" des Rassismus sei eine besondere Motivation für ihre 700 000 Mitarbeiter und die 500 000 Ehrenamtlichen, sich dem entgegenzustellen: "In Krisen ist die Caritas besonders gefordert."

Der Kanzler wiederum betont die Notwendigkeit, angesichts der sich häufenden Angriffe auf Wahlhelfer und Politiker wehrhaft zu bleiben. "Wir müssen den öffentlichen Raum verteidigen", sagt er. Jeder müsse in Deutschland seine Meinung sagen können, ohne sich in seiner Sicherheit bedroht zu fühlen. Wenig später spricht Scholz davon, dass man in Zeiten lebe, bei denen es viel Unsicherheit über die Zukunft gebe. Das versteht ein Aktivist offenbar als sein Stichwort. "Herr Scholz, meine Zukunft ist Ihnen egal", ruft er vom rechten Rand des Publikums. "Sie müssen jetzt einfach mal ganz kurz den Mund halten", sagt Scholz schroff, als weitere Störrufe folgen, und erhält dafür Applaus. Ein Banner weist die Aktivisten als Teil der Gruppe "Letzte Generation" aus.

In die Unterbrechung hinein stimmen Zuschauer ein Kirchenlied an

Lange schreitet niemand ein, obwohl das Publikum unruhig wird. Scholz redet weiter und verteidigt die Globalisierung, die bei der Diskussion um den Klimawandel oft als bedrohlich gesehen werde, aber auch dazu führe, "dass Milliarden Menschen ein besseres Leben führen" könnten. Gleichzeitig gebe es die Frage, ob man den Wohlstand und die Sicherheit in Deutschland verteidigen könnte, sagt Scholz, "und das ist eine gute Frage". Schließlich werden die Aktivisten aus dem Saal geleitet. In die knapp dreiminütige Pause hinein stimmen einige Katholiken das Lied "Herr, gib uns deinen Frieden" an.

Nach der Unterbrechung schaltet Scholz in den Wahlkampfmodus, nutzt eine Frage an ihn, um über faire Mindestlöhne, stabile Renten und das Erreichen der Klimaziele zu sprechen. Christen lobt er für ihre Hoffnung und Zuversicht, beides sei wichtig in der Demokratie.

Erst eine Publikumsfrage nach seiner Haltung zum AfD-Verbot bremst ihn aus. Scholz will zunächst einmal den Verfassungsschutz seine Arbeit machen lassen. Das Aufkommen der AfD will er außerdem als Ausdruck einer Unsicherheit verstanden wissen, die Kennzeichen aller reichen Länder sei. Auch in Norwegen, den Niederlanden und Österreich gebe es deshalb rechtspopulistische Parteien. Das lässt ihm Quent so nicht durchgehen. "Die AfD ist besonders radikal im internationalen Vergleich", sagt der Soziologe. Zudem sei die äußerste Rechte in Deutschland besonders gewaltaffin.

Nach der Diskussion erklärt Marc Frings, Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, warum man die Störer so lange gewähren ließ: "Grundsätzlich wollen wir, dass gestört wird", sagt er: "Wir als Veranstalter teilen die grundsätzliche Sorge um die Bewahrung der Schöpfung." Deshalb hätte man erst den Austausch mit den Aktivisten gesucht. Störungen wolle man "in die Diskussion einbauen", erklärt er. Nur sei das leider nicht möglich gewesen.

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