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Demokratie:Kinder einer Welt

Die Nation wird vielerorts pathetisch besungen. Ihr Konzept hat lange die Demokratien vorangebracht. Nun ist es Zeit, neu zu denken.

Es kann schmerzen, anderen bei ihrem nationalen Stolz zuzuschauen. Menschen, die voller Seligkeit ihre Nationalhymnen singen, im besten Fall ist es Kitsch aus dem 19. Jahrhundert, im schlimmeren Fall ist es älter und blutrünstiger. Warum schwillt dem Letten die Brust, wenn er von seiner Geschichte erzählt, warum muss eine kluge Frau wie Michelle Obama als Präsidentengattin von ihrem Land sagen, es sei "the greatest nation"? Warum glühen die Niederländer so wonnevoll im Oranje-Glanz? All die von Gott auserwählten Völker. Unvernunft reiht sich an Unvernunft. Geschichte wird verbogen, zum Heil der Nation gelogen, die anderen werden geschasst und gehasst.

Kein Wunder also, wenn kluge Menschen immer wieder das Ende der "Nation" fordern. Schließlich ist sie ein Konstrukt, ein arbiträres Gebilde, das sich zuweilen an Wassern und Bergeshöhen orientiert, öfter aber an willkürlichen Grenzlinien, die auf Landkarten nicht selten von zanksüchtigen Fürsten gezogen wurden. Im 19. Jahrhundert breitete sich der Nationalismus aus, und viele arbeiteten mit Fleiß daran, diesen Komplex plausibel zu machen: Dichter besangen die Mentalität (auf Schwedisch beispielsweise: Kampf und Heim und Treue, oder auf Deutsch: Treue und Weib und Memel), Staatsmänner erließen nationale Feiertage, und Historiker erzählten die große Geschichte einer Schicksalsgemeinschaft im Glorienschein von Schlachten.

Spätestens mit dem Ersten Weltkrieg wurde klar, dass Nation auch das Potenzial zur Apokalypse hatte. Doch kaum war der Zweite Weltkrieg überwunden, erlebte das Konzept der Nation in ganz Europa eine Renaissance, und der Aufbau des Kontinents erfolgte neben allen europäischen Schwüren überwiegend in nationalen Grenzen und nationaler Solidarität.

Woher rührt die Hartnäckigkeit von Nation? Vermutlich liegt es daran, dass Nation paradoxerweise Gleichheit schafft. Sie ist ein "Gleichheitsvehikel", wie der Historiker Dieter Langewiesche sagt. Und Gleichheit bildet die Grundlage von Demokratie.

Es ist daher kein Zufall, dass sich Demokratien nahezu immer im Rahmen eines Nationalstaats entwickelt haben. Vor der Nation ist jeder Mensch gleich, egal ob Großgrundbesitzer oder Tagelöhner, jeder ist ein Deutscher - oder ein Franzose oder Italiener. In der europäischen Revolution von 1848/49 ließen sich dann nationaler Taumel und demokratischer Reformeifer nicht voneinander trennen. Zudem betrachteten fortschrittliche Zeitgenossen Nationen wie Schwestern und sahen einen friedlichen "Völkerfrühling" beginnen, denn warum sollten sich Geschwister bekriegen?

Die Menschen entzündeten sich an der nationalen Idee. Alle gleich! Und alle Teil einer großen Gemeinschaft! Nation füllte eine mentale Lücke. Denn die Moderne hatte viele Menschen sich selbst überlassen, Zugehörigkeiten waren weithin fraglich geworden: Stände lösten sich auf, die Urbanisierung riss Menschen aus Dorfgemeinschaften und Familien, die Industrialisierung setzte Männer, Frauen und Kinder in unpersönliche Arbeitsprozesse. Und nun ging mit der Nation die Sonne einer Gemeinschaft auf mit einem Überfluss an Sinnstiftung.

Mit dem Furor des Nationalismus breitete sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch die Massenpolitisierung und vielerorts das Wahlrecht für alle Männer aus. Nation schuf ein Zusammengehörigkeitsgefühl, bestärkte die Herausbildung eines Kommunikationsraums und einer gemeinsamen Politik. Das sind wichtige Voraussetzungen für Demokratie, auch wenn sie durch Pluralität und Meinungsvielfalt verkompliziert werden müssen. In gewisser Weise wuchsen die Menschen zusammen. Inklusionen schaffen aber immer zugleich Exklusionen. Das zeigte sich nicht nur bei dem zutiefst männlich gedachten Konzept von Nation, das Frauen lange ausschloss, teilweise auch wie in den USA andere Ethnien. Grundsätzlich aber lässt sich nicht vermeiden, dass jeder Staat, in dem die Menschen ein Wahlrecht haben, definieren muss, wer dazugehört - und damit zugleich für den Ausschluss aller anderen sorgt.

Nation war ein entscheidender Teil des großen Staatsbildungsprozesses und ist es bei näherem Hinsehen bis heute. Nation schafft Solidarität und spendet ein "System der Gegenseitigkeit", wie es die Politikwissenschaftlerin Erna Appelt nennt. Deswegen war der Ausbau des Sozialstaats ebenfalls nur im nationalen Rahmen möglich. Denn warum sollte man Steuern zahlen, die hilfsbedürftigen, aber völlig fremden Menschen zukamen?

Nation als System der Gegenseitigkeit verdrängte andere Bereiche wie Religion oder Familie bis zu einem gewissen Grad aus der Politik und ermöglichte damit modernes Regieren. Auch wenn die Wirklichkeit immer komplizierter ist als solche Modelle, so zeigen doch dysfunktionale Staaten, wie wichtig der nationale Fokus grundsätzlich ist, denn in Ländern wie Afghanistan oder dem Irak funktioniert die Staatsbildung auch deswegen nicht, weil Nation keine Identität stiftet und andere Zugehörigkeiten zu religiösen und ethnischen Gruppen die Gleichheit vereiteln.

Aber wissen die Europäer es nicht besser, könnten sie nicht die Chance ergreifen, den Nationalismus zu verabschieden und damit all die Plagen? Europa hat auf seinem Boden unter nationalem Banner Krieg um Krieg gefochten. Europäer können nicht mehr in dem naiven Glauben leben, ihre jeweilige Nation sei die größte.

Und tatsächlich, da Nationen menschengemacht sind, bleiben sie keine feste Größe. Als sich die Deutschen 1871 vereinigten, dauerte es nicht lange, bis sich Preußen und Bayern auch als Deutsche fühlten. Warum sollte das in Europa nicht möglich sein? Ist dieser Prozess nicht schon längst im Gange? Nach einer Umfrage des Thinktanks "European Council on Foreign Relations" hat die Mehrzahl der Bürgerinnen und Bürger in Europa sowohl eine nationale als auch eine europäische Identität. Nur jeder vierten befragten Person war die nationale wichtiger. Bei Jüngeren ist das europäische Selbstverständnis noch viel größer. Ein Trost bleibt für alle Nostalgiker: Menschen sind in der Lage, multiple Identitäten in ihrem Herzen zu hegen. Und wer weiß, warum sollte eine solidarische Gesellschaft nicht eines Tages über Europa hinaus möglich sein, angesichts der Tatsache, dass digitale Medien globale Kommunikation gestatten und die Welt mit ihren Problemen, aber auch mit Handel und mit der Menschenrechtspolitik immer enger zusammenrückt?

Doch zumindest vorerst bleibt Nation die Grundlage demokratischer Partizipation. Sie schafft dabei sogar einen produktiven Wettbewerb zwischen den Sozialstaatsmodellen, Steuer- oder Bildungssystemen. Nation hat vielfach einen neuen Klang bekommen. Für zahlreiche Menschen in Europa ist sie längst nicht mehr der schwüle Traum von einsamer Größe. Vielmehr birgt der Gedanke der Nation oft eine Art Pflichtgefühl gegenüber dem Land, eine gewisse Zuständigkeit. Gerade für Deutsche heißt Nation eher ein Eingeständnis, demütig Verantwortung für die Geschichte zu übernehmen, und die Aufgabe, für eine offenere Zukunft zu arbeiten.

Die Historikerin Hedwig Richter, 46, lehrt und forscht vom 1. Januar 2020 an an der Universität der Bundeswehr München.

© SZ vom 27.12.2019
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