Woran Deutschland krankt "Deutschland müsste sich als Übersetzer und Brückenbauer verstehen"

Was würden Sie vorschlagen?

Mich stört, dass ein Begriff wie Leitkultur so diffamiert worden ist. Ich verbinde mit diesem Begriff keine Diskriminierung oder Abwertung anderer Kulturen, sondern eine Orientierung über gemeinsame gesellschaftliche Vorstellungen und Werte, und genau das ist es, was wir bräuchten. Dazu gehören unsere in Deutschland nach dem Krieg entwickelte Art der Geschichtsaufarbeitung, unsere Weltoffenheit, Toleranz und Emanzipation. Dazu gehören auch unsere Sprache und unsere regionalen Unterschiede, unserer gesamte, so überaus reiche Kultur. Und ehrlich gesagt: wir können doch auch von einem Amerikaner genauso wie von einem Ägypter erwarten, dass er sich auf diese spezifisch deutschen Verhältnisse einlässt, wenn er auf Dauer bei uns leben möchte.

Nicht nur Deutschland krankt, auch Europa tut es. Und es gibt vor allem in Osteuropa viele, die dafür die Migrationspolitik des Jahres 2015 verantwortlich machen. Haben diese Leute Recht?

Die Migration ist nur Teil der Probleme, die diese Länder haben. Nach dem Fall des Kommunismus sind die früheren sowjetischen Satellitenstaaten aus Überzeugung Teil Westeuropas geworden. Bis hinauf ins Baltikum. Esten, Letten, Litauer, Polen, Tschechen oder Slowaken fühlen sich alle nicht als Osteuropäer, sondern als West- oder Mitteleuropäer. Für viele war das so etwas wie die Heimkehr. Man muss dabei sehen, dass das Gesellschaften sind, die in der Sowjetzeit um ihre blanke Existenz fürchten mussten.

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Und was hat das mit den Flüchtlingen im Jahr 2015 zu tun?

Aus Sicht dieser Länder droht ihnen eine erneute Dominanz durch andere, nachdem sie sich gerade von der Gefahr der früheren Sowjetunion emanzipiert haben. Obwohl sie meist gar keine große Migration haben, fürchten sie um ihre nationale Einheit und Selbstbestimmung. Deutschland mit seinen großen Einwanderungszahlen und den damit verbundenen Problemen ist für sie ein abschreckendes Beispiel. Man kann das für falsch halten, aber man muss es wissen.

Wenn man in Polen über diese Situation spricht, wird eine starke Irritation spürbar. Da ist das Gefühl: Ihr Deutschen wollt uns diktieren, dass wir so zu sein haben, wie Ihr seid in Europa.

In diesen Ländern in Osteuropa ist das ganz klar die Sicht.

Haben Sie dafür Verständnis?

Ich habe dafür viel Verständnis, weil man in ganz vielen Bereichen die Befindlichkeiten und die Erfahrungen der östlichen EU-Ländern nie wirklich wahrgenommen hat und sich in Deutschland über Fragen wie Migration nicht mit ihnen abgestimmt hat.

Interessiert man sich nicht dafür?

Viele in Polen haben das Gefühl, dass in der EU ihre historische Erfahrung nicht ausreichend berücksichtigt wird.

Welche Rolle müsste Deutschland da einnehmen?

Es müsste sich als Übersetzer und Brückenbauer verstehen. Wir können beides im Blick haben und erläutern, bei uns leben so viele Russen und Polen, Tschechen und auch Menschen aus der Ukraine.

Aber ist das im Bewusstsein? Wir sitzen hier in der Mitte Berlins in der deutschen Hauptstadt, die nur eine kurze Autofahrt von der polnischen Grenze entfernt ist. Im Bewusstsein spielt das keine Rolle.

Ich weiß nicht, warum wir uns da als Deutsche so schwer tun. Es bleibt oft bei Symbolhandlungen. Jeder neugewählte Bundeskanzler fährt inzwischen zuerst nach Polen und dann nach Frankreich. Trotzdem hat es nie denselben Stellenwert. Dabei hätte eine französisch-deutsch-polnische Allianz viel Potential für die europäische Entwicklung.

Weiß Deutschland, was es sein will in der EU?

Wir führen diese Debatte nicht. Es gab den Vorstoß des französischen Präsidenten für eine Vertiefung der Europäischen Union, aber hier wurde nicht ausreichend darauf reagiert, keine grundsätzliche Diskussion darüber begonnen. Auch die Brexit-Entscheidung in Großbritannien hat nicht dazu geführt, dass darüber gesprochen worden wäre, wie Europa künftig aussehen soll. Da wurde vor allem über "Bestrafungsszenarien" gegenüber den Briten nachgedacht, als ob signalisiert werden sollte, dass ein Austritt zu schmerzhaft ist, um ihn zu wagen.

Um einen Domino-Effekt zu vermeiden.

Eine seltsame Einstellung. Wenn die EU derzeit nicht so attraktiv ist, dass ihre Mitglieder dabei bleiben wollen, läuft doch etwas falsch.

Wie erklären Sie sich den Kleinmut?

Für mich ist das unverständlich. Wir haben hier ein wunderbares Land. Deutschland hat sich seit dem Krieg so gut entwickelt. Und das nach der absoluten Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Nun haben wir eine Riesen-Erfolgsgeschichte, mit einer stabilen Demokratie, der Wiedervereinigung, mit der europäischen Einigung und können doch nicht richtig stolz darauf sein. Patriotismus ist bei uns verpönt, wird als uneuropäisch angesehen.

Sie halten das für symptomatisch?

Ich finde es bedauerlich, dass wir den Patriotismus den Radikalen überlassen. Dabei ist, wie der französische Präsident gesagt hat, Patriotismus das Gegenteil von Nationalismus. Aber wir können uns nicht unvoreingenommen zu unserem Staat und seinen Symbolen bekennen.

Der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte am 9. November in seiner Rede: "Den Verächtern der Freiheit dürfen wir diese Farben niemals überlassen! Sondern lassen Sie uns stolz sein auf die Traditionslinien, für die sie stehen: Schwarz-Rot-Gold, das sind Demokratie und Recht und Freiheit!"

Genau das meine ich. Wir müssen solche demokratischen Symbole, die im Fall des Schwarz-Rot-Gold bis lange in die Zeit vor der Märzrevolution von 1848 zurückgehen, aber auch Begriffe wie Heimat schützen. Sie können für Einheimische und auch für Zuwanderer eine Identifikation schaffen. Denn zu diesen Farben und Symbolen kann sich jeder bekennen, gleich welcher Herkunft er ist. Sie sollten, wie zum Beispiel in den USA, auch in Deutschland zum Zeichen der Zugehörigkeit werden, Ausdruck einer demokratischen, freien und toleranten Gemeinschaft, auf die wir durchaus stolz sein dürfen.

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