Demokratie:Affären ohne Muster

Demokratie: Ludwig Greven, Die Skandal-Republik. Eine Gesellschaft in Dauererregung, Lingen-Verlag 2015, 172 Seiten, 12,95 Euro.

Ludwig Greven, Die Skandal-Republik. Eine Gesellschaft in Dauererregung, Lingen-Verlag 2015, 172 Seiten, 12,95 Euro.

Die Analyse deutscher Skandale ist lesenswert, leidet aber unter einigen Mängeln, etwa fehlender Selbstkritik des Autors.

Von Kim Björn Becker

Die jüngere Geschichte der Bundesrepublik liefert genügend Rohstoffe, um über politische Skandale zu schreiben, über ihre Entstehungsgeschichten und ihre Wirkungsweisen. Es gab die Wulff-Affäre, diverse Plagiatsaffären, die Kinderpornoaffäre und etliche mehr. Die Schwierigkeit einer jeden Analyse besteht nun darin, verbindende Muster zu identifizieren, die über den Einzelfall hinausgehen.

An diesem Punkt steht auch Ludwig Greven in seiner Abhandlung über die "Skandal-Republik". Er sucht Antworten auf die großen Fragen: Welche Normen werden durch Skandale adressiert, indem ihre mutmaßliche Verletzung sanktioniert wird? Und gelten für alle dieselben Maßstäbe? Der Autor liefert eine Zusammenschau der Affären der jüngeren Zeit sowie ein Panoptikum der bestehenden Deutungsweisen, jedoch keine eigenständige tiefergehende Analyse. Die Rekonstruktion der Ereignisse gelingt ihm in den zahlreichen Fallstudien weitgehend, nur an wenigen Stellen schleichen sich Flüchtigkeitsfehler ein. Im Zusammenhang mit der Plagiatsaffäre um Karl-Theodor zu Guttenberg behauptet er etwa, der damalige Verteidigungsminister sei von einem "anonymen, erst später enttarnten Wissenschaftler" angegriffen worden. Tatsächlich schaltete sich der Entdecker der umstrittenen Textstellen, der Bremer Professor Andreas Fischer-Lescano, vom ersten Tag an öffentlich in die Debatte ein. Zu einer "Enttarnung" kam es nicht. Der zweite Teil des Buches ("Skandal-Geschichten") bietet gleichwohl einen raschen Überblick über die wesentlichen Affären der vergangenen Jahre.

Wenig innovativ ist der Autor allerdings auch im wichtigen ersten Teil, in dem er sich dem Phänomen der "Dauererregung" der deutschen Öffentlichkeit annähert. Er beginnt seine Überlegungen mit der Frage, welche Aufgaben Skandale in Demokratien erfüllen und weist auf die "aufklärerische Wächterfunktion" hin, die dem Skandal einst zugeschrieben wurde. Derlei Überlegungen gehen auf die amerikanische Politikwissenschaft der späten Achtzigerjahre zurück. Der sogenannte Funktionalismus gilt inzwischen als überholt, darauf verweist auch Greven immer wieder, zu oft standen mediale Skandalisierungsversuche zuletzt - teils zu Recht - unter dem Verdacht der Kampagnenführung.

Medienkritik kommt darum auch in der "Skandal-Republik" nicht zu kurz. Allerdings versäumt es der Autor - Greven ist langjähriger Redakteur bei Zeit Online -, an passender Stelle seine eigene Rolle zu klären. "Ständig werden wir mit Aufregergeschichten bombardiert", empört er sich einmal. Es bleibt dort unerwähnt, dass der Autor, etwa in der Wulff-Affäre, die eine oder andere Bombe selbst geworfen hat - auf jenes Publikum, mit dem er sich nun symbolisch gegen die skandalisierenden Medien verbrüdert.

© SZ vom 14.07.2015
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