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Demokraten nach US-Wahl:"Auf welcher Seite steht ihr?", ruft Sanders

Dieses Argument vertritt auch Sanders an diesem Abend. Er habe voller Überzeugung wochenlang für Hillary Clinton geworben, weil er sie für eine gute Politikerin und extrem intelligente Frau halte. Er weist den Vorwurf zurück, sein Ausharren im Vorwahlkampf habe ihr geschadet: "Dank mir ist sie eine bessere Kandidatin geworden. Ich bin stolz, sie nach links gedrängt und in Sachen Freihandel und Keystone-Pipeline überzeugt zu haben." Auch deshalb fordert der Mann, der stets als Unabhängiger antritt, dass die Demokraten Farbe bekennen.

"In der Debatte, die die Partei gerade führt, geht es um etwas Grundsätzliches: Auf welcher Seite steht ihr? Kann man wirklich Millionen von Wall-Street-Banken und mächtigen Lobbyisten annehmen und die Amerikaner überzeugen, für die Anliegen der Arbeiter und der Mittelschicht zu kämpfen?", ruft Sanders. Für ihn ist klar: Die Demokraten sollen auf die Spenden aus Industrie und dem Silicon Valley verzichten - und "den Kampf gegen die Oligarchen, die Banken, die Versicherungskonzerne und corporate media" annehmen. Dies sei der fundamentale Unterschied zwischen ihm und den Clintons, betont Sanders.

Sanders ist die wichtigste linke Stimme in diesem Richtungskampf der Oppositionspartei: Er hat im Vorwahlkampf bewiesen, dass man ohne Big Money sehr erfolgreich sein. Wenn 2,5, Millionen Bürger überzeugt vom Programm sind, genügt eine durchschnittliche Spende in Höhe von 27 Dollar, um mit jedem Gegner mithalten zu können. Er spricht oft von einer "politischen Revolution", und meint damit auch, dass sich Wandel nicht von oben verordnen lässt: Unten an der Basis müsse der nötige Druck erzeugt werden.

Das Gespräch mit Autor E.J. Dionne auf der Bühne der George Washington University macht deutlich, wieso Sanders selbst von Trump-Anhängern als authentisch wahrgenommen wird. Er erzählt (dies ist der erste Teil des 464 Seiten langen Buchs), wie er nach dem Zweiten Weltkrieg in einfachsten Verhältnissen in Brooklyn aufwuchs und als Mittelstreckenläufer jenen Kampfgeist fand, der ihn bis heute prägt. Als Student in Chicago sei er der "Young People Socialist League" beigetreten und habe alles gelesen, was er in die Finger kriegte.

Niemand finde Armut gut, aber zu wenige fragten: "Warum gibt es überhaupt Armut? Welche Rolle spielen Macht und Geld und der Kapitalismus?" Seit Jahrzehnten, erst als Bürgermeister in Burlington und später im US-Kongress, versucht er, mehr soziale Gerechtigkeit durchzusetzen und den Einfluss von Großkonzernen zu begrenzen (mehr über Sanders' Überzeugungen hier) - diese Beständigkeit fasziniert seine Fans. Sie jubeln auch, wenn er selbstironisch damit angibt, vom Washingtonian-Magazin zum "schlechtest gekleideten Senator" gekürt worden zu sein: "Wenn die wüssten, wie ich früher herumlief..."

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