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Demographiebericht:Deutschland wird zum Fliegenpilz

Viele Alte, immer weniger Junge: Die aktuellen Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung sind besorgniserregend. Für Deutschland bedeuten sie einen Verlust an Vitalität und revolutionäre Verhältnisse auf dem Arbeitsmarkt. Die Rettung läge in einer klug gesteuerten Einwanderung, doch davon will die Politik nichts wissen.

Heribert Prantl

Auf einem dünnen Stiel sitzt ein breiter Hut: Deutschland wird zum Fliegenpilz. Der Stiel steht für die Zahl der jungen Menschen, der breite Hut symbolisiert die Alten. Die rote Farbe signalisiert Gefahr. Auf Glückwunschkarten gilt ein Fliegenpilz als Glückssymbol. Beglückwünschen kann man Deutschland zu dieser Entwicklung aber nicht. In absehbarer Zeit kommen hierzulande auf einen arbeitenden Menschen zwei Rentner.

Rentner

In Deutschland droht ein gewaltiger Verlust an Vitalität. Wirtschaftskraft ist nur ein Teil davon.

(Foto: dpa)

Wer blauäugig ist, kann sich darüber freuen: Mehr Luft! Auch geschrumpft wird ja das Land noch gut besiedelt sein, etwa so wie einst im Deutschen Reich. Aber damals hatte das Land einen anderen Bevölkerungsaufbau, einen, den man als Pyramide bezeichnet: Viele Junge, wenige Alte. Jetzt kommt es umgekehrt.

Auf den Arbeitsmarkt kommen daher revolutionäre Zeiten zu: Es werden sich bald nicht mehr die Arbeitskräfte bei den Betrieben, sondern die Betriebe bei den Arbeitskräften bewerben. Das klingt lustig, ist es aber nicht.

Wer soll, zum Beispiel, die Renten bezahlen? Wer soll die Wohnungen bewohnen, die jetzt, in Euro-Krisenzeiten teuer gekauft werden? Auf das Land kommen Lasten zu, von denen man nicht weiß, wie sie getragen werden sollen. Vor allem aber: Es droht ein gewaltiger Verlust an Vitalität. Wirtschaftskraft ist nur ein Teil davon.

Vielleicht hat es etwas mit dem Gift des Fliegenpilzes zu tun, dass diese Probleme zwar seit langem bekannt sind, aber keine Konsequenzen daraus gezogen wurden. Das Gift führt zur Bewusstseinstrübung und zur Realitätsverdrängung: Es gibt keine Demographiepolitik; es gibt nur Demographieberichte. Soeben ist wieder einer erschienen: Bis zum Jahr 2020 fehlen in Deutschland 6,5 Millionen Arbeitskräfte, davon 2,4 Millionen Akademiker. Und 2050 wird die arbeitende Bevölkerung nur noch halb so groß sein wie heute.

Gezüchtete Abwehrhaltung gegen Einwanderung

Was tun? Mit dem Hinausschieben des Rentenalters bis 67 oder später lassen sich die Probleme nicht ansatzweise aufhalten. Wissenschaftler schreiben sich seit fast dreißig Jahren vergeblich die Finger wund: Sie werben für eine klug gesteuerte Einwanderung; so ließen sich Probleme abpuffern. Aber Einwanderung gehört zu den Themen, die die Politik meidet wie der Teufel das Weihwasser.

Einwanderung ist eigentlich eine egoistische Angelegenheit: Da geht es nicht wie beim Asyl um Nächstenliebe, sondern um wirtschaftliche Interessen. Ein Land, das Einwanderer holt, holt sie nicht, um ihnen zu helfen; es holt sie, weil diese helfen sollen. Wenn Einwanderung trotzdem negativ belegt ist, liegt das daran, dass in Deutschland Abwehrhaltungen gezüchtet wurden.

Es half gar nichts, dass 1994 ein "Manifest der sechzig Professoren" warnte, in ein, zwei Generationen würden die "kritischen Untergrenzen demo-ökonomischer Stabilität unterschritten". Die jeweilige Regierungspolitik hatte mehr Angst vor den Wählern heute als vor den Problemen morgen. Politik verlangt aber: Zukunft gestalten. Wenn die Zukunft versaut ist, ist es mit der Gestaltung vorbei.

© SZ vom 27.10.2011/feko

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