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Democracy Lab:Der entscheidende Kampf: Liberalismus vs. Autoritarismus

Democracy Lab Werte

Schafft ein fehlendes Angebot an Werten Raum für Populisten? Pegidaanhänger protestieren gegen die Ankunft von Flüchtlingen in Freital.

(Foto: AP)

Eine Frau, älter als 80 Jahre, nicht mehr gut auf den Beinen, bietet eine Breze an. "Sie sehen aus, als hätten sie Hunger", sagt sie, nimmt das Gebäck aus ihrer Papiertüte. "Ich kann ja gleich nochmal gehen, ich habe Zeit." Dann erzählt sie unvermittelt, wie sie als Jugendliche Musik gemacht hat, mit dem Akkordeon. Wie sie geübt hat, wie viel Spaß sie hatte und wie diszipliniert sie dabei gewesen sei. Kurze Pause. Disziplin sei wichtig gewesen damals. Nochmal Pause. Das habe auch an der Führung gelegen. Und dann: "Bös' hat er es ja nicht g'meint, der Adolf."

Das war ein Gespräch über Werte. Über Hilfsbereitschaft und Disziplin. Es zeigt, wie kompliziert das Thema, wie wichtig die Perspektive ist und welche Fallstricke vorhanden sind. Die Frau hat mit uns während der Deutschlandtour des Democracy Lab gesprochen (hier dazu mehr). Während dieser Tour haben wir Themen gesammelt, die das Land bewegen. Überall sprachen die Menschen die Frage nach den Werten an.

Im Netz gibt es von fast allem lange Listen, auch solche, die Werte aufführen, von A wie Abenteuer und Abgeklärtheit bis Z wie Zuverlässigkeit und Zweckmäßigkeit. Das Thema ist ein philosophisches, ein politisches, ein soziologisches. Das Thema ist schwer zu fassen.

Democracy Lab - Themendossiers

Was bewegt das Land? Das haben wir in der ersten Phase des Democracy Labs die Menschen in Deuschland gefragt. Fünf Themenkomplexe wurden am häufigsten genannt: Soziale Ungleichheit, Umweltschutz, Bildungspolitik, Flüchtlingspolitik und die Frage nach Werten in Politik und Gesellschaft. Darüber diskutieren wir jetzt online und bei Veranstaltungen in Berlin, Leipzig, Stuttgart, Köln und München. Als Basis für die Diskussion haben wir zu jedem Bereich ein Kompaktdossier zusammengestellt.

Hier dennoch ein - notwendigerweise - unvollständiger Versuch, einige wichtige Thesen, entlang derer aktuell in Deutschland über das komplexe Themenfeld Werte und Demokratie diskutiert wird, darzustellen.

Werte werden für Wahlentscheidungen wichtiger

Warum wählen Menschen eine bestimmte Partei? Gibt die individuelle, die emotionale Parteibindung den Ausschlag? Sind es Faktoren wie Alter, Geschlecht oder Einkommen, Beruf? Oder die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe? Seit den 40er und 50er Jahren hat die empirische Wahlforschung dazu Modelle entwickelt. In den vergangenen Jahren rückte die Wertorientierung von Menschen stärker in den Fokus. Definiert als besonders dauerhafte und stark generalisierte Einstellung in Bezug auf Werte.

Der Grund: Auch heutzutage, in einer säkularisierten, modernen Gesellschaft, ist die Sehnsucht nach moralischer Orientierung vorhanden, genau wie das Wissen um die Kraft von Werten. Werte sind Instrumente, mit denen Menschen mobilisiert werden können. Immer seltener werden aber bestimmte Werte bestimmten Parteien zugeordnet. Eine Umfrage von SZ.de und dem Meinungsforschungsinstitut Civey zeigt, dass vier von zehn Deutschen ihre Wertvorstellungen von keiner Partei wirklich vertreten sehen. Die Parteibindung sinkt, die Zahl der Wechselwähler steigt. Immer mehr Wählerinnen und Wähler entscheiden sich spontan auf Basis ihrer individuellen Werteorientierung.

Der Politikwissenschaftler Markus Klein hat das im Jahr 2005 akademisch so beschrieben: "Angesichts einer rückläufigen Bedeutung der Sozialstruktur bei der Herausbildung gesellschaftlicher Wertorientierung sowie einer rückläufigen Bedeutung der Parteien für die Strukturierung des politischen Wettbewerbs scheint es ratsam, zukünftig Werte und die auf sie bezogene Wertorientierung direkt in den Mittelpunkt des analytischen Interesses zu rücken."

Populismus entsteht, wenn die grundlegenden Werte politischer Ideologien verschwimmen.

Freiheit, Gleichheit, gesellschaftliche Traditionen. Vereinfacht sind das die drei Werte, die den modernen politischen Ideologien Liberalismus, Sozialismus und Konservatismus zugrunde liegen. Die Demokratie ist eine einzige komplexe Verhandlung darüber, welcher dieser drei Werte die politische Entscheidungsfindung dominiert.

Dass die Bevölkerung die Ergebnisse dieser Verhandlungen akzeptiert, den Wettbewerb widerstreitender Ideen in einer Demokratie, das ist die Grundlage der Macht der Politik.

Wie kompliziert hier die Diskussionslinien verlaufen, zeigen einige der Hauptvorwürfe, denen sich Union, SPD und Liberale immer wieder ausgesetzt sehen. Die Union unter Merkel hätte so gut wie alle konservativen Positionen geräumt, heißt es da. Die SPD habe Gleichheit und Gerechtigkeit vernachlässigt und dem Neoliberalismus den Boden bereitet. Auf die freie Kraft des Marktes und damit auf Profitgier konzentriere sich die FDP ausschließlich, klassische liberale Werte fänden dagegen kaum noch Beachtung. Das Resultat dieser Entwicklung seien inhaltlich kaum zu unterscheidende Parteien. Der Essayist Pascal Bruckner beschreibt das als inhaltliches "Vakuum". Aus diesem heraus erscheine der Populist als Zauberlehrling, "der die Blässe des Gedankens mit Lautstärke wettmacht".