Democracy Lab in Gelsenkirchen Wo die Spieler von Schalke 04 wohnen

Horstmann steht im Hinterhof an der Ecke Roberg- und Ferdinandstraße, das Haus ist außen rosa gestrichen und innen komplett verfallen. Der Eigentümer beteuert bei den Behörden, er wolle hier bald einziehen. Horstmann schüttelt den Kopf. Einmal stapelte sich der Müll im Hof meterhoch, eines Tages fing er Feuer, vermutlich wurde er angezündet. Die Feuerwehr musste anrücken, in voller Schutzmontur durchsuchten sie das Haus, es hätte ja jemand darin hausen können. "Die waren stinksauer", erinnert sich Horstmann. Nicht nur wegen des vermeidbaren Feuers. Auch, weil mehrere Hundert Ratten aus dem Müllberg flüchteten.

Was ist hier zu tun? Den Besitzer enteignen und das Haus abreißen? Der Schutz des Eigentums ist stark im Grundgesetz verankert, Leerstand und Verwahrlosung genügen da nicht. Horstmann sagt, er habe in 25 Jahren kein einziges Enteignungsverfahren in Gelsenkirchen erlebt, auch aus anderen Städten sei ihm keines bekannt. Also versucht die Stadt, die alten Häuser zu kaufen, sechs Millionen Euro hat sie dafür zur Verfügung.

Bei einem Gebäude in der Robergstraße ist das gelungen, dort hängen zwei gelbe Plakate in den Erdgeschoss-Fenstern, eines in rumänischer Sprache, eines in deutscher: "Achtung!! Diese bauliche Anlage ist amtlich versiegelt, die Nutzung der Räume ist verboten." Die Stadt bemüht sich, auch die Nachbarhäuser zu erwerben, um die ganze Zeile abzureißen. Ob das gelingt? Hängt von den Eigentümern ab. Bei Erfolg entscheiden die Stadtplaner, ob sie einen Spielplatz bauen lassen oder wie nebenan in Schalke einen Kräutergarten. Vielleicht investiert jemand in neue Häuser oder in Gewerbe. Auch das Nachbarviertel Ückendorf kämpft gegen Verfall und für Erneuerung. Die Stadt spricht von einem Erfolgsmodell. Aber sie weiß auch, dass die öffentliche Hand alleine das Problem kaum lösen kann, dazu sind ihre Mittel zu gering. Es braucht private Investoren.

Architektur - Eindrücke aus Gelsenkirchen

"In Gelsenkirchen sind Gut und Böse manchmal nur ein Spuckweit voneinander entfernt", sagt ein Stadtplaner. Besonders gut sieht man das an den Häusern der Stadt. Die Bilder

"Wer eine Idee hat, rennt bei der Stadt offene Türen ein"

Einen wie Thomas Fründt. Sein Büro liegt in einem umgebauten Möbelhaus, etwa acht Kilometer nördlich von Bismarck in Buer. Buer liegt auf der anderen Seite des Rhein-Herne-Kanals, den viele einen "Sozialäquator" nennen - er trennt den wohlhabenderen Norden vom ärmlichen Süden. Fründt ist groß, schlank, trägt Jeans und Pulli zu graublonden Haaren. Auf seiner Karte steht: "Dipl.-Ing. Architekt Thomas Fründt. Projektentwicklung und Immobilien-Manufaktur". Zur Begrüßung sagt er: "Gelsenkirchen ist nicht so schlecht wie sein Ruf." Es gebe viel Potenzial, die Leute würden anpacken, sich nicht ausruhen auf dem, was sie haben. Macher eben, wie Fründt selbst.

Der 53-Jährige arbeitet für ein Investorenkonsortium, er berät Hotelketten dazu, welche Ankäufe sich lohnen. Nebenbei investiert er privat in Gelsenkirchen, kauft Immobilien, saniert und vermietet sie. Eines seiner Lieblingsprojekte ist das umgebaute Möbelhaus. Von außen ein schlichter, weißer Bau, aber gut gelegen, in der Nähe der Einkaufsmeile. Zehn Jahre hat er gebraucht, um den Besitzer zum Verkauf zu überreden. Ein Jahr später war das Gebäude nicht wiederzuerkennen. Im Erdgeschoss ist jetzt ein Bettengeschäft, darüber sind Lofts und Büros entstanden.

Fründt öffnet die Tür zu einem weitläufigen Wohnzimmer mit Parkettboden, die Fenster reichen vom Boden bis zur Decke. Fast zehn Euro Miete kostet der Quadratmeter hier, 1400 Euro insgesamt, das ist mehr als der durchschnittliche Gelsenkirchener im Monat zur Verfügung hat. Demnächst zieht ein junger Spieler von Schalke 04 ein, ein Stockwerk darüber ist gerade Sead Kolašinac ausgezogen, er wechselt zum FC Arsenal nach London.

"Wer eine Idee hat, rennt bei der Stadt offene Türen ein", sagt Fründt. Er hat schon eine Fleischfabrik in eine Reihenhaussiedlung verwandelte und ein ehemaliges Schwesternwohnheim in Einfamilienhäuser. Mit seiner Familie wohnt er in einem umgebauten Wasserturm. Doch so sehr sich die Stadt über seinen Elan freuen mag, die meisten Kreditgeber sind skeptisch, wenn sie "Gelsenkirchen" hören. Die Preise steigen hier nur langsam, schnelle Gewinne sind hier nicht zu holen. Fründt hat Geduld. Er sagt, er macht das alles auch, weil er seine Heimatstadt liebt: "Da ist auch viel Herzblut dabei."

"Der Strukturwandel ist noch lange nicht abgeschlossen"

Die Stadt bräuchte mehr Unternehmer wie ihn. Um sie anzulocken, entstand vor mehr als 20 Jahren auf dem Gelände eines ehemaligen Gussstahlwerks der "Wissenschaftspark Gelsenkirchen", ein Gründer- und Technologiezentrum. Hier sollten Ideen entstehen, wie die Region den Strukturwandel bewältigen könnte. An der Wand hängt der Satz: "Von der Stadt der 1000 Feuer zur Stadt der 1000 Sonnen." Er zeigt, wohin die Reise gehen sollte. Von der "Solarstadt Gelsenkirchen" war damals die Rede und vom "Helicon Valley". Auf dem Dach wurde ein riesiges Solarkraftwerk errichtet, in den Etagen darunter träumten Start-ups vom großen Geld. Doch der Goldrausch blieb aus, im Osten wurde Solarenergie mit mehr Geld gefördert und Solarzellen konnten die Chinesen bald günstiger herstellen.

Für Geschäftsführer Stefan Eismann ist der Wissenschaftspark trotzdem eine Erfolgsgeschichte. Mittlerweile seien die Räume zu etwa 93 Prozent ausgelastet, der Park bekomme nur noch kleine Zuschüsse. Eismann führt durch den mehrfach preisgekrönten Bau, in einem Arkadengang stellen sich "Wohnprojekte aus NRW" vor, alles ist freundlich, hell, luftig. Das "Klimabündnis Gelsenkirchen" hat hier seine Büros, Forschungsinstitute, IT-Unternehmen, Ingenieursbüros und eine Designfirma.

Der Park ist ein Leuchtturmprojekt, eine von vielen guten Ideen, mit denen Gelsenkirchen um seine Zukunft kämpft. Aber: Den vielen Langzeitarbeitslosen der Stadt helfen die Hightech-Firmen wenig. Dafür bräuchte es mehr produzierendes Gewerbe, sagt Eismann, Jobs für Geringqualifizierte. Um sich die Probleme in Erinnerung zu rufen, muss er nur aus dem Fenster schauen. Direkt vor dem Wissenschaftspark beginnt die Bochumer Straße, Callshops reihen sich an Ein-Euro-Läden und Dönerbuden, viele Fenster sind verrammelt, manche sprechen schon von einer "No-go-Area". "Wir sind auf einem guten Weg", sagt Eismann zum Abschied. "Aber der Strukturwandel ist noch lange nicht abgeschlossen."

Korrektur: In einer früheren Fassung stand "Dazu der Drogenhandel vorne in der Trinkhalle". Der Rentner hat sich offenbar missverständlich ausgedrückt. Der Betreiber der Trinkhalle an der Ecke bekräftigt, dass weder durch ihn noch in seinem Laden Drogen gehandelt werden. Das Problem liegt draußen auf der Straße und in benachbarten Hauseingängen, er als Trinkhallen-Betreiber kann das leider nicht verhindern.

Dieser Beitrag ist Teil des SZ-Projekts Democracy Lab, in dem wir vor der Wahl über Ihre Themen diskutieren wollen. Lesen Sie mehr dazu:

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