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Democracy Lab:Jena, Samstag, 8. Juli

Von Ulrike Nimz

Stationen der SZ-Deutschlandreise

27. Juni: München, Tollwood-Festival, 15 Uhr

28. Juni: Wolfratshausen, Marktstraße, 10 Uhr

29. Juni: Gelsenkirchen, Hochstraße, 10 Uhr

30. Juni: Gelsenkirchen, Bahnhofstraße, 10 Uhr

1. Juli: Worms, Obermarkt, 10 Uhr

2. Juli: Mannheim, Luisenpark, 10 Uhr

3. Juli: Bremen, Grasmarkt, 10 Uhr

4. Juli: Bremerhaven, Platz vor der "Großen Kirche", 10 Uhr

5. Juli: Frankfurt an der Oder, Oderturm, 10 Uhr

6. Juli: Beeskow, Marktplatz, 10 Uhr

7. Juli: Jena, Holzmarkt, 10 Uhr

8. Juli: Ronneburg (Thüringen), 10 Uhr, Schmölln (Thüringen), 14 Uhr

Nora, 19, ist in Jena aufgewachsen. Nur der Sommer trennt sie noch vom Beginn ihres Studiums: Chemie. Sie pfeift Spiele des Fußballclubs SV Schott Jena und spielt auch selbst, defensives Mittelfeld. Zur Bundestagswahl wird sie das erste Mal ihre Stimme abgeben, und eigentlich war sie sich auch lange sicher für welche Partei: die Grünen. In letzter Zeit haben die ihr allerdings an Profil eingebüßt, es fehle an Charakterköpfen wie Winfried Kretschmann, vor allem in der Asylpolitik seien zu viele Kompromisse gemacht worden, sagt sie. In ihrer Freizeit hilft die junge Frau in einem Heim für Geflüchtete, spielt mit den Kindern, liest ihnen vor. "Die Bürokratie macht den Menschen und den Helfern das Leben unnötig schwer", sagt sie.

Gernot Köhler, 69, bleibt lange auf den Bierbänken am Bus sitzen. Dem CDU-Mitglied geht es vor allem um Medienkritik. Am Aufstieg der AfD sei auch die Presse schuld, ist sich Köhler sicher. Er beklagt einen "Erziehungsjournalismus", der selbst neutralen Darstellungsformen wie der Nachricht einen Spin verleihe oder Meinungen jenseits des politischen Mainstreams gleich ganz ausblende: "Das haben die Leute satt." Köhler liest die Welt, die NZZ, die FAZ - immer auf der Suche nach konservativen Stimmen vor allem aus den Themenfeldern Energie- und Asylpolitik. Diese Stimmen sind ihm auch in der eigenen Partei zu leise. Kritik übt Köhler an Parteichefin Angela Merkel: "Manchmal habe ich das Gefühl, wir leben nicht mehr in einer parlamentarischen Demokratie, sondern in einer Kanzlerinnendemokratie."

Jena, Freitag, 7. Juli

Von Susanne Höll, Jakob Schulz und Sebastian Gierke

Der Democracy-Lab-Bus der SZ steht im Zentrum der Stadt, am Holzmarkt. Schon um kurz vor 10 Uhr morgens brennt die Sonne vom Himmel.

Zwei junge Männer sitzen auf ein paar Betonstufen. Als wir sie ansprechen, sagen sie, etwas schüchtern, sie könnten kein Deutsch. Und das in fast perfektem Deutsch. Mustafa und Selim, ihre Nachnamen wollen sie nicht verraten, sind vor sechs Jahren aus Syrien geflüchtet. Sie waren erst in Jordanien, dann in der Türkei. Jetzt sind sie seit zwei Jahren in Jena. Was sich in Deutschland ändern muss? "Nichts", sagt Selim. "Alles ist gut." Er beginnt in zwei Monaten eine Ausbildung zum Mechatroniker. "Wir sind hier angekommen." Nach ein paar Minuten Gespräch, in denen die beiden von ihrem Leben in Deutschland, dem Leben in Jena schwärmen, fällt ihnen dann doch noch etwas ein, was sich verändern sollte: "Die Bürokratie." Das Wort geht Selim schwer über die Lippen. Aber die Bürokratie, die würde er gern abschaffen. Allein, wie lange es gedauert habe, bis er einen Führerschein habe machen können. Selim lacht. Probleme mit der Bürokratie? Die beiden sind tatsächlich angekommen.

Einem Historiker aus Tübingen, zu Besuch in Jena, fällt sofort eine Antwort ein auf die Frage, was sich in Deutschland ändern muss: "Das Wetter", sagt er und lacht über sich selbst. Dabei gibt's am Freitag daran nicht auszusetzen: Mehr als 30 Grad in der Sonne, ein wenig schwül vielleicht, Gewitter liegt in der Luft. Aber der Mann stammt aus der Türkei, da ist man in Sachen Wärme halt anspruchsvoll. Dann wird er ernst. Ja, die Integration und das Zusammenleben verschiedener Kulturen sei in Deutschland schon ein Problem. Alteingesessene und Neuankömmlinge seien gleichermaßen gefordert. Er findet, die türkische Kultur sei im öffentlichen Leben Deutschlands unterrepräsentiert, abgesehen von Berlin vielleicht. Das aber sei nicht das Versäumnis allein der Ureinwohner. Vielleicht, so sagt er, trauten sich Türkischstämmige nicht, ihre Musik, Sitten und Gebräuche in das urbane Leben zu tragen.

Gegen Mittag kommt Michael Grunen an den Democracy-Lab-Stand. "Ich habe mich gerade zur Wahl aufstellen lassen." Wie bitte? Ja, Michael Grunen will in den Bundestag. Als Unabhängiger will er in einem Jenaer Wahlbezirk antreten. "Ich muss nur noch ein paar Hundert Unterschriften sammeln." Der 40-Jährige erregt sich vor allem darüber, dass die Bürger in Deutschland immer stärker überwacht würden. Überall gebe es Kameras, im Internet würden die Menschen ausgespäht. "Mein Programm ist die Freiheit".

Dann kommt Thomas Grund zum Bus der Süddeutschen Zeitung. Er hat einiges loszuwerden, den G-20-Gipfel zum Beispiel hält er für Geldverschwendung. Doch er blickt auch in die Vergangenheit. Der 64-Jährige war seit der Wende Streetworker und kümmerte sich um rechtsradikale Jugendliche in Jena. Über die spätere mutmaßliche NSU-Terroristin Beate Zschäpe freute er sich damals, erinnert er sich. "Die Beate hat sich damals selbständig einen Job gesucht, da war ich froh", sagt Grund. Doch dann habe sie sich in Uwe Mundlos verliebt und sei nicht mehr erreichbar gewesen. Auch die Nummer drei des NSU-Trios kannte Grund. "Der Böhnhardt war ein 'Scheitelträger', ein Organisierter. Vor dem hatten sogar die Glatzen Angst."

Ronald Müller arbeitet als Sozialpädagoge in Jena. Er macht sich vor allem Sorgen um die Umwelt. Der Klimawandel sei eine große Gefahr, die die Politik nicht ernst genug nehme. "Viele Politiker schauen nur auf die unmittelbare Gegenwart." Bis zur nächsten Wahl. Eine lebenswerte Zukunft für die kommenden Generationen könne man mit solch kurzsichtiger Politik nicht sicherstellen.

Einem alten Herren - seine 84 Jahre sieht man ihm nicht an - missfällt dagegen die Fremdwortsucht in Deutschland. Viele Läden trügen eigenartige Namen, überall sei von Dingen die Rede, die er gar nicht verstehe, sagt der Feinmechaniker, der sein ganzes Leben in der Optik-Branche gearbeitet hat. Jena war und ist ein Zentrum der Optik-Industrie. Zu DDR-Zeiten war das Kombinat Carl Zeiss mit etwa 60 000 Mitarbeitern der größte Industrie-Komplex des Landes. Die Rente des alten Herren ist nicht üppig. Aber es reicht, sagt er. Neidisch sei er nicht, erzählt er. Ganz im Gegenteil. Aber ob deutsche Manager wirklich so viel mehr Geld als normale Beschäftigte verdienen müssen, das frage er sich schon. 


Das soziale Gefälle beschäftigt etliche der Passanten, die sich am Bus einfinden, insbesondere die der älteren Generation. Ein Ehepaar aus dem Westen, zugezogen vor acht Jahren und inzwischen, wie sie sagen, begeisterte Jenaer, kennen diese Debatten. Der Gatte, Geschäftsführer einer Firma in Thüringen, versucht immer wieder, seinen Nachbarn zu erklären, dass die hohen Managergehälter eine Folge der Globalisierung seien und nicht der Geldgier. Im Ausland, besonders in den USA, würden Top-Leute in der Wirtschaft noch deutlich höher bezahlt als hierzulande. Wer gute Kräfte halten wolle, müsse tiefer in die Taschen greifen. Ob die Leute hier seine Argumente verstünden? Er zuckt mit den Achseln. Wohl eher nicht.


Wir machen uns auf zu den - vorerst - letzten Stationen der Democracy-Lab-Deutschlandtour. Nach Ronneburg (Samstag, 10 Uhr) und Schmölln (13 Uhr)