Demo gegen G-7-Gipfel:"Dann zieht eure Uniform aus und lauft bei uns mit"

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Kurz bevor die Demonstration startet, kommt sogar Polizeisprecher Hans-Peter Kammerer ans Camp. Er will reden. Es geht um die Demonstrationsroute. Die Gipfel-Gegner verlangen, dass die Polizisten sich nicht vermummen.

Ein Versammlungsleiter soll bestimmt werden. Die Vertreter des Bündnisses erklären, das sei nicht so einfach: Man sei keine homogene Gruppe, bestehe vielmehr aus verschiedenen politischen Gruppen. Kammerer sagt: "Dann machen wir dicht."

Das Gespräch verläuft trotzdem konstruktiv, fast kollegial. "Wir müssen uns an die Regeln halten", sagt Kammerer. "Ich brauche einen Menschen, der sich kümmert." Die Bündnisvertreter sagen dann schnell zu, dass sie Bescheid geben, wenn die große Demonstration startet. Und wem? Ein Polizeirat im Hintergrund hebt seine Hand. Sein Name: Bürger, Polizeirat Bernd Bürger. Am Ende der Begegnung zwischen den beiden Gruppen scherzt Kammerer, man sei sich ja in allem einig.

Benjamin Ruß, Sprecher von "Stop G 7" antwortet: "Dann zieht doch eure Uniform aus und lauft bei uns mit."

Mitlaufen, das tun die Polizisten kurze Zeit später bei der Demonstration tatsächlich. Wenn auch nicht mittendrin, sondern am Rand. Der gesamte Protestzug ist von Polizisten eingeschlossen. Zwei Reihen von Polizisten mit schwerer Schutzausrüstung marschieren mit. Später, nach der kurzen Eskalation werden es sogar noch mehr.

Georg Ismael, Sprecher des Bündnisses, sagt mit Blick auf die vielen Polizisten: "Wenn das keine Aggression ist, was dann?" Er glaubt, die gewaltige Polizeipräsenz würde auch die Passanten abschrecken, sich anzuschließen.

Damit hat er recht. Sich zwischen den Polizisten durchzuzwängen, das traut sich kaum einer der vielen Garmischer, die am Straßenrand stehen. Die meisten sind neugierig. Viele äußern Sympathien für die Anliegen der Gipfel-Gegner. Viel zu teuer sei das und das Freihandelsabkommen TTIP dürfe nie kommen, sagt zum Beispiel Hildegard Deser, die zu den Down-Beat-Klängen aus den Boxen der Demonstrationswagen wippt.

Vor dem Eiscafé Bellini mischen sich die Einheimischen mit den Demonstranten, nach dem Motto: ohne Stracciatella kein Protest. Die Schlange reicht von der Theke bis zur Straßenmitte. Der Chef hat richtig spekuliert: Er hat als einer der wenigen Ladeninhaber in Partenkirchen trotz Demonstration geöffnet. Ein Passant sagt im Vorbeigehen: "Überall bekannte Gesichter, das ist sonst ja nie so." Tatsächlich sind die Straßen sonst von Touristen bevölkert. Heute sind außer den Einheimischen nur Polizisten, Journalisten und Demonstranten unterwegs.

Die Lage an der B2 hat sich schnell wieder beruhigt. Eine verletzte Frau, offenbar bewusstlos, wird von Sanitätern aus der Menge getragen. Stop G-7-Sprecher Ismael sagt, es habe zwei Schwerverletzte und bis zu hundert Leichtverletzte gegeben, verursacht durch den Einsatz der Polizei mit Schlagstöcken und Pfefferspray. Die Angaben sind schwer zu überprüfen.

"Über die richtigen Dinge reden"

Langsam wendet der gesamte Demonstrationszug. Es geht auf der gleichen Strecke zurück zum Ausgangspunkt, zurück zum Bahnhof von Garmisch-Partenkirchen. Jetzt zeigt sich deutlich: Auch diese Demonstration ist keineswegs homogen. Während die Gemäßigten schon zurücklaufen, bleibt der Teil der Demonstranten zurück, der radikaler eingestellt ist.

Der Zug teilt sich. Nur langsam geht es bei denen da hinten jetzt noch vorwärts, immer wieder kommt es zu Rangeleien mit der Polizei. Die Stimmung hat sich spürbar verändert. Sie ist gereizter, aggressiver. Keine guten Vorzeichen für die Nacht - und die kommenden zwei Tage.

Die Gewalt verstören auch Tobias und Julie. Die beiden Mitzwanziger sind aus Passau und Regensburg nach Garmisch gekommen, um die G 7 aufzufordern, sich für Umweltschutz einzusetzen. "Wir sind nicht gegen den Gipfel an sich. Die Politiker sollen sich treffen, aber über die richtigen Dinge reden", sagt Julie. Beide haben eine Sorge, die viele Demonstranten teilen dürften: dass die Bilder vom Pfefferspray-Einsatz, den Schlagstöcken und aggressiven Protestierern ihre Anliegen überschatten.

Am Ende des Zuges, bei den Radikalen, tönt es vom Lautsprecherwagen: "Wir sind sehr unzufrieden damit, jetzt zurückkehren zu müssen." Man hätte die Bundesstraße 2 gerne blockiert. Der Protest werde aber weitergehen. Noch habe man eine Nacht und einen Tag, heißt es. Und dann folgt noch eine Botschaft an die Polizei: "Ihr werdet uns nicht immer so einfach auf einem Fleck haben."

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