bedeckt München 29°

Demenz:Märchenstunde im Pflegeheim

Auch schwer Demenzkranke reagieren auf die Geschichten.

"Schneewittchen" mochten die Dementen mit am liebsten. Fragte die böse Stiefmutter ihren Spiegel nach der Schönsten im Land, fieberten die alten Menschen mit. Und als schließlich der Prinz Schneewittchen fragte, "willst du meine Frau werden?", hielt es eine Dame auf der rechten Seite des Publikums nicht mehr auf ihrem Stuhl. Sie sprang auf und rief aus vollem Herzen: "Ja!"

Märchen haben auf Menschen, die an mittelschwerer und schwerer Demenz erkrankt sind, eine positive Wirkung. Sie steigern die Lebensqualität, führen zu Wohlbefinden und sollten daher in Pflegeeinrichtungen angeboten werden. So fasst Ingrid Kollak von der Alice-Salomon-Hochschule das Ergebnis ihrer Begleitstudie zu "Es war einmal - Märchen und Demenz" zusammen.

In dem Projekt wurden in den vergangenen zwei Jahren in fünf Pflegeeinrichtung einmal in der Woche Märchen vorgetragen. Vorgetragen, wohlgemerkt, denn der Effekt stellt sich beim bloßen Vorlesen nicht ein. Deshalb waren es sogenannte Demenzerzählerinnen, die den erkrankten Menschen den "Butt", "Frau Holle", die "Bremer Stadtmusikanten" und andere mehr präsentierten, dabei den Augenkontakt hielten und so die Aufmerksamkeit. Gekleidet waren sie in goldschimmernde Märchenkleider, um den Wiedererkennungseffekt zu erhöhen.

"Am Anfang habe die Frage gestanden, ob es mit den Märchen gelinge, eine Brücke in das Langzeitgedächtnis zu schlagen", sagt Projektleiterin Diane Dierking. Und das Ergebnis sei gewesen, dass alle reagierten, egal ob der Demenzkranke nun aus einem Akademiker-Haushalt stamme oder aus einer Arbeiterfamilie - "Märchen wurden überall gelesen und erzählt, deshalb eignen sie sich." Bei einer Darbietung von "Rumpelstilzchen" habe sie eine Frau, die im Heim als "Hallo"-Ruferin gilt, angestupst und geflüstert: "Stroh zu Gold, glaubst du das?"

Alexander Dettmann, der mit der Agaplesion Bethanien Diakonie fünf Pflegeheime in Berlin und eines in Hamburg betreibt, ist von den Märchenvorträgen begeistert: "Das ist ein Angebot, mit dem wir Leute erreichen, die wir sonst nicht mehr erreichen", sagt er. Auch würden seine Mitarbeiter entlastet, weil auch Bewohner, die man sonst nur mühevoll betreuen könne, in der Märchenstunde zur Ruhe gekommen seien.

Kollak will an ihrer Schule nun Pflegekräfte auch zu Märchenerzählern ausbilden. Doch das eigentliche Projekt ist nun vorbei. "Uns fehlt das Geld", sagt die Direktorin von Märchenland, Silke Fischer. Es sei schwierig, eine öffentliche Förderung zu bekommen.

© SZ vom 04.09.2015

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite