Degler denkt:McCains Chancen

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Zum ersten Mal im US-Wahlkampf schwächelt der Republikaner McCain. Die Wahl seiner Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin wirft unangenehme Fragen auf.

Hätte einer wie Konrad Adenauer, der erste Kanzler der Bundesrepublik, auch heute noch eine Chance, gewählt zu werden? Stramm konservativ, kölsch-katholisch, ziemlich prüde und mit außenpolitischen Phobien ("China,China,China")? Hierzulande wohl nicht, schon weil ein 73jähriger -so alt war er bei Amtsantritt - heute kaum noch als kanzlerabel gilt.

Degler denkt: John McCain wäre mit 72 Jahren der älteste Mann, der je ins Weiße Haus eingezogen ist.

John McCain wäre mit 72 Jahren der älteste Mann, der je ins Weiße Haus eingezogen ist.

(Foto: Foto: AFP)

In Amerika vielleicht schon. Dort hat John McCain, 72, die reale Aussicht auf einen Karrieresprung im Greisenalter. Er wäre der älteste Mann in der Geschichte der USA, der je ins Präsidentenamt gekommen ist. Er ist stramm konservativ und ziemlich prüde, und seine aktuelle außenpolitische Phobie heißt Iran, Iran, Iran, das er am liebsten militärisch bekämpfen würde.

Diese Woche wurde er offiziell zum Kandidaten der Republikaner gekürt, und seine Chancen, Barack Obama an der Ziellinie zum Weißen Haus noch abzufangen, sind nicht zu übersehen: Während die Republikaner in landesweiten Umfragen mehr als zehn Prozentpunkte hinter den Demokraten rangieren, ein Wechselwille also deutlich erkennbar ist, lag McCain im persönlichen Vergleich vergangene Woche Kopf an Kopf mit seinem Kontrahenten Obama.

Und während viele Amerikaner sich fragen, ob der junge Aufsteiger aus Illinois im Amt halten könnte, was seine charismatischen Auftritte versprechen und ob er internationalen Krisen gewachsen ist, gilt McCain als handfest-patriotischer Haudegen, den so schnell nichts umwirft.

Diese Woche allerdings hatte der alte Mann aus Arizona Pech. Die Parteitagsregie musste wegen des Sturmtiefs Gustav den Glamour-Appeal runterfahren, George Bush konnte wegen seiner Sturm-Verpflichtungen nicht als Stargast auftreten (worüber manche Delegierte aber ziemlich froh waren), und die Entscheidung, Sarah Palin, zur Vizepräsidenten-Kandidaten zu berufen, erwies sich zunächst als nicht sehr glücklich.

Die Gouverneurin von Alaska, die mit ihren 44 Jahren das Durchschnittsalter des republikanischen Kandidatenpaares nach unten bewegt, entpuppte sich als problematische Frau: Palin profilierte sich mit Kampagnen gegen Sexualaufklärung und Programmen, die Teenagern zu Enthaltsamkeit raten, doch dann kam heraus, dass ihre 17jährige Tochter schwanger ist - ein gefundenes Fressen für die amerikanischen Wahlkampfberichterstatter und eine Chance zur großen Geste für Obama: Das habe doch mit ihrer Eignung für das Amt des Vizepräsidenten nichts zu tun, verkündete der McCain-Rivale jovial.

Tatsächlich aber sind Zweifel an McCain und Fragen nach seinen Fähigkeiten entstanden: Hat er seine Polit-Partnerin wirklich gut ausgewählt? Reicht sein Urteilsvermögen noch? Wusste er, dass Palins Mann vor Jahren wegen Trunkenheit am Steuer festgenommen worden war? Stimmt es, dass Frau Palin früher einer Bewegung für ein unabhängiges Alaska angehörte?

Solche Zweifel am republikanischen Spitzenkandidaten werden wachsen, dafür wird schon die Wahlkampfmaschine Obamas sorgen, die immerhin das zuvor als unschlagbar geltende Hillary-Clinton-Team besiegt hat. Und sie könnten den Ausschlag geben, wenn es zu einem klassischen Lagerwahlkampf kommt: Hie der alerte Aufsteiger Obama, der für Krankenversicherung, Steuerentlastungen für die Unter- und Mittelschicht und eine Außenpolitik steht, die zuerst auf Diplomatie setzt. Dort der schwerreiche McCain, der vor allem Oberschicht und Industrie entlasten will und außenpolitisch eher härter ist als George W. Bush.

Erste Signale, dass McCains Rechnung nicht aufgehen könnte, gibt es bereits: Zur Wochenmitte, als der Republikaner-Parteitag mit der Nominierung McCains seinem Höhepunkt entgegenstrebte, musste der Kandidat hören und lesen, wie hart der Weg nach Washington für ihn noch werden kann: US-Medien berichteten, dass er zum ersten Mal in diesem langen US-Wahlkampf in landesweiten Umfragen zwischen fünf und neun Prozent hinter Obama zurückgefallen ist.

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