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Degler denkt:Eine veraltete Partei

Das Zweite wäre schon hohe politische Kunst: Die Heilung des hessischen Sündenfalls, vor der Wahl anders zu sprechen als hinterher zu handeln. Ganz gleich, ob Koch über SPD und Linke stürzt und ganz gleich, was Steinmeier für Berlin ausschließt: Die Wahrheit ist, dass niemand mehr solchen Versprechungen glaubt und jeder weiß, dass die SPD ohne die Linke nur noch schwer ans Regieren kommen kann. Wie man erfolgreich mit den PDS-Nachfolgern umgeht, hat Klaus Wowereit in Berlin erfolgreich vorgeführt. Aber genau diesen Weg hat sich die Bundes-SPD verbaut.

Das Dritte ist das Schwierigste, und es weist weit über die nächsten Wahlen hinaus. Wenn es der SPD binnen Monaten gelänge, ihren potentiellen Wählern jene Orientierung zu bieten, an der es ihr selbst mangelt, wäre das schon ein Kabinettsstück. Wahrscheinlicher ist, im besten Fall, dass Werbeagenturen und mediale Spindoctors die alte Dame SPD noch einmal so hübsch hindrapieren, dass ihr schweres Gebrechen nicht auf den ersten Blick erkennbar wird.

Denn das Leiden der Partei heißt Veralten. Sie schleppt, 145 Jahre nach ihrer Gründung, noch immer den Staub wilhelminischen Arbeitergedankenguts mit sich. Sie hält, in einer Zeit der Individualisierung, noch immer kollektivistische Ansätze am Leben. Und sie versteht nicht mehr so recht, wie die Welt sich heute dreht. Wäre sie ein Unternehmen, würde man sagen, ihre Marktanteile schrumpfen. Und wenn sie nicht aufpasst, ist sie bald reif für eine Übernahme.

Aufs Kerngeschäft konzentrieren

Sanierungsexperten versuchen in solchen Fällen oft, die Firmenaktivitäten auf die Kernkompetenzen zu konzentrieren. Und das wäre auch der SPD zu raten. Denn sieht man es so, ist der ganze Vorgang, der mit Zeitverzug auch die Union erreichen wird, gar nicht zu beklagen, sondern normal: In einer Zeit, in der sich Gesellschaften und ihre Prozesse einerseits globalisieren, diese Gesellschaften in kleine und immer kleinere Interessengruppen zerfleddern, muss das politische Konstrukt Volkspartei neu definiert werden. DIe Bündelung von immer mehr und immer stärker divergierenden Interessen kann nicht mehr von nur zwei großen Parteien bewältigt werden.

Dann bedeutet das Präfix Volk an Wahlabenden womöglich nur 20 Prozent. Und Parlament bedeutet dann vielleicht sieben oder acht Parteien, die sich zu Blöcken zusammenschließen. Das kann man im Nachbarland Dänemark heute schon besichtigen. Und die Dänen kommen damit ganz gut zurecht.

© sueddeutsche.de/cmat/bosw

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