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Degler denkt:Eine veraltete Partei

Die Hauruck-Umbesetzung der SPD-Spitze kann bestenfalls ein Strohfeuer für die Sozialdemokraten entzünden, retten wird sie die Sozialdemokratie als Volkspartei nicht.

Es gab einmal eine Zeit, da war die SPD noch jünger und auf der Höhe derselben. Da gab es noch rechts und links, die Guten und die Bösen, und das Publikum wusste, von Ostpolitik bis Nato-Doppelbeschluss, was Brandt und Schmidt wollten. Die beiden zogen den Karren der Partei, gesteuert wurde er von Fraktionschef Herbert Wehner, den sie den Kärrner nannten.

SPD-Kanzlerkandidaten unter sich: Frank-Walter Steinmeier tauscht sich am Rande der Veranstaltung "China trifft Europa" in Hamburg mit Altkanzler Helmut Schmidt aus, der 1976 und 1980 SPD-Spitzenkandidat war.

(Foto: Foto: Reuters)

Heute fühlen sich die 30 bis 40 Jahre, die seither vergangen sind, an wie tausend. Heute sollen Müntefering und Steinmeier den Karren ziehen, der - anders als damals - tief im Dreck steckt. Und es muss allmählich bezweifelt werden, ob das anachronistische Gefährt überhaupt noch verkehrstauglich ist für die Polit-Highways des dritten Jahrtausends.

Vielleicht reicht es ja noch bis zur nächsten Machttankstelle im November kommenden Jahres. Da hätte das neue Duo an der Spitze drei Aufgaben zu lösen, die vertrackt genug sind. Es müsste erstens die Flügel befrieden, vor allem den linken, der nach Becks Abgang schon wieder so aufgeregt flattert, als wollten Müntefering und Steinmeier den Neokonservatismus ins Parteiprogramm schreiben. Es müsste, zweitens, das Verhältnis zur Linken sauber klären und der Wählerschaft glaubhaft klarmachen, warum sie oder warum sie nicht als Partner in Frage kommt. Und es müsste, drittens, Positionen definieren, die ihren Zielgruppen Orientierung bieten statt lediglich deren vermuteten Willen widerzuspiegeln.

Das Erste ist schwer, weil in der Partei seit den achtziger Jahren und verstärkt seit der Ära Schröder ein wachsender Prozentsatz der Mitgliedschaft - ich schätze: ein knappes Drittel - sich ohnehin eine Partei à la Lafontaine wünscht. Schon zwei Mal sind Parteigründungen aus dieser Quelle mitgespeist worden und haben die SPD substanziell geschwächt. Der Prozess könnte sich fortsetzen.

Lesen Sie auf Seite zwei, warum die Marktanteile der SPD schrumpfen und sie bald reif für eine Übernahme ist.

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