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Degler denkt: Die Linke:Zeitreisender Lafontaine

Die Linke strotzt vor Selbstbewusstsein und zwackt anderen Parteien immer mehr Prozentpunkte ab. Die SPD ist hilf- und wehrlos.

Dieter Degler

In Science-Fiction-Romanen sind Zeitreisen ein beliebtes Motiv. Da begeben sich die Helden in die Vergangenheit und begegnen sich selbst. Sie bekämpfen Schurken und retten schöne Frauen oder gleich die ganze Welt, indem sie Fehlentwicklungen durch präzise Eingriffe ins Zeitgefüge ungeschehen machen. Das führt dann nebenbei oft zu lustigen Paradoxien.

Oskar Lafontaine lächelt seelig beim Landesparteitag der saarlaendischen Linkspartei im August 2008. Kein Wunder: Die Linke wird immer stärker.

(Foto: Foto: ddp)

Jetzt scheint das literarische Konstrukt in der Wirklichkeit angekommen zu sein. Im Saarland möchte der Berufspolitiker Lafontaine werden, was er schon längst war: Regierungschef, diesmal gestellt von der Linken. Nebenbei möchte er noch ein paar Jahre Berliner Regierungspolitik rückgängig machen und Teile der Kanzler-Ära Schröder aus den Geschichtsbüchern löschen.

Das lustige Paradoxon am Rande: Die Sozialdemokraten können den Zeitreisenden kaum stoppen, ohne ihre eigene Geschichte zu beschädigen.

Die Linke strotzt vor Selbstbewusstsein

Weniger lustig gesagt: Die SPD steht vor einem der schwersten Wahlkämpfe ihrer jüngeren Geschichte. In der öffentlichen Meinung liegt sie weit hinter ihrem Koalitionspartner CDU/CSU, und diesseits der Union knöpft ihr die Linke Woche für Woche einen Prozentpunkt mehr ab.

Während die alten Genossen selbstquälerisch ihr Verhältnis zu den neuen Wettbewerbern zu definieren suchen, strotzen die nur so vor Selbstbewusstsein. In Thüringen bot der linke Spitzenkandidat Ramelow, getragen von Umfragewerten von rund 31 Prozent , der SPD für die kommende Legislaturperiode die Juniorpartnerschaft an. Und an der Saar will auch Lafontaine nach der Wahl auf Augenhöhe mit seiner alten Partei verhandeln - mindestens.

Dass es dem Konvertiten tatsächlich um die Rückkehr in die Saarbrücker Staatskanzlei geht, ist unwahrscheinlich. Wichtiger ist die Kandidatur für ihn als eine weitere Bühne, auf der er seine alte Partei vorführen kann.

Und die wirkt zur Zeit ziemlich hilf- und wehrlos - was auch wieder mit dem ehemaligen SPD-Vorsitzenden zu tun hat. Beschimpft die SPD ihn und seine Partei als populistisch, demagogisch oder auch nur als sozialromantisch, richtet sie damit auch über Positionen, die noch vor wenigen Jahren zu ihren eigenen zählten.

© sueddeutsche.de/jja

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