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Degler denkt:Das Schleswig-Holstein-Virus

Mag die Bundestagswahl auch erwartungsgemäß ausgehen, im Norden der Republik wird es garantiert spannend - die Kieler Verhältnisse erlauben einen Blick in die Zukunft der Bundespolitik.

Möchten Sie mal einen Blick in die Zukunft werfen? So etwa ins Jahr 2013? Dann müssen Sie am Sonntag nicht nur die Ergebnisse der Bundestagswahl, sondern vor allem die für den schleswig-holsteinischen Landtag beobachten.

Denn im Land zwischen den Meeren werden die Zeiger der politischen Uhr schon an diesem Sonntag dorthin vorrücken, wo sie auf Bundesebene erst in vier Jahren stehen könnten: Die große Koalition so zerrüttet, dass keiner der Beteiligten sie auch nur eine Sekunde länger fortsetzen will. Die im Bündnis verschlissenen Volksparteien sind von gewaltigen Verlusten bedroht. Und die kleinen Parteien werden zahlreicher und stärker denn je.

Falls Umfragen etwas bedeuten, wird es am Sonntag weder für Schwarz-Gelb noch für ein Bündnis aus SPD, Grünen und Südschleswigschem Wählerverband reichen; beide inhaltlich denkbaren Blöcke werden klar unter 50 Prozent bleiben.

Die Union darf immerhin davon träumen, dass sich die im Norden bündnisoffen präsentierenden Grünen für "Jamaika" erwärmen könnten. Für die SPD ist die Auswahl geringer: Die Linke, die den Sprung in den Landtag schaffen dürfte, steht in Kiel nicht zur Koalitionsverfügung, sie hat sich auf eine Fundamentalopposition festgelegt.

Nur: In Schleswig-Holstein scheren sich die Wähler noch weniger um die Prognosen von Meinungsinstituten als im Rest der Republik. Sie sind offenbar schneller bereit, etablierte Parteibindungen über Bord zu werfen. Und sie lassen sich vom Harmonie-Gesäusel der in Berlin Regierenden nicht einlullen.

Das bewiesen sie zuletzt im vergangenen Jahr, als sie bei den Kommunalwahlen die politische Landschaft mit einem tektonischen Beben der Ausnahmeklasse erschütterten: Die Christdemokraten verloren in Städten wie Lübeck jeden zweiten Wähler, in manchen Orten erreichten Schwarz und Rot zusammen gerade noch 35 Prozent.

In Kiel verzehnfachte sich die Linke, und in Flensburg überholte die freie Wählervereinigung "Wir in Flensburg" mit 22,3 Prozent sowie der SSW (22 Prozent) sogar SPD und CDU. Nicht ganz auszuschließen ist deshalb, dass die Freien Wähler diesmal so viele Verdrussstimmen einsammeln, dass sie es sogar ins Kieler Landesparlament schaffen.

Zwei Faktoren dürften den Trend weg von den Großen, hin zu den Kleinen, am kommenden Sonntag noch verfestigen: Die Menschen zwischen Quickborn und Flensburg sind stinksauer auf eine Landesregierung, deren Protagonisten Peter Harry Carstensen (CDU) und Ralf Stegner (SPD) sich bis zum vorzeitigen Bruch der großen Koalition bis aufs Blut bekämpft haben. Und sie sind zutiefst erbost über Missmanagement und gegenseitige Schuldzuweisungen im Umgang mit dem Milliardengrab HSH Nordbank.

Wenn Sie also am 27. September um 18 Uhr ins Internet gehen oder den Fernseher einschalten, achten Sie auf die Nordlichter. Und anschließend darauf, wie lange das Schleswig-Holstein-Virus braucht, um das ganze Land zu erobern.