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Degler denkt:Bettler in Brioni

Erst wollten sie sich nicht helfen lassen, jetzt stehen sie Schlange: Ganze Branchen sind zum Run auf die internationalen Rettungspakete angetreten.

Dieter Degler

Eine Metamorphose hat eingesetzt in der deutschen und internationalen Wirtschaft. Vorstandsvorsitzende, Aufsichtsräte und Geschäftsführer, die verblichenen Helden des Kapitalismus, üben sich im Jammern und Bittstellen.

(Foto: Foto: AP)

Erst waren es die amerikanischen Immobilienfinanzierer, die nicht mehr weiter wussten, dann die internationalen Bankvorstände, die um Hilfe schrien - und mittlerweile ist, im Angesicht von Finanzkrise und einsetzender Rezession, eine regelrechte Verzweiflungsepidemie ausgebrochen. Sie erfasst Branche um Branche. Aus den Nieten in Nadelstreifen sind Bettler in Brioni geworden.

Zwar gibt es noch immer Vorstandschefs, die sich angeblich schämen würden, Staatsgeld in Anspruch zu nehmen. Aber das liegt vielleicht eher daran, dass sie in diesem Fall auf Einkünfte verzichten müssten, weil der Staat ja dafür eine Obergrenze von 500.000 Euro per annum festgelegt hat. Ansonsten werden Hilfen von deutschen, europäischen oder amerikanischen Steuerzahlern außerordentlich gerne gesehen, ja geradezu herbeigejammert.

Wer schreibt den nächsten Wunschzettel?

Die EU, winselt da der Chef von Audi, möge doch bitte den Neuwagenverkauf mit Bargeld ankurbeln. Der Einkaufschef von BMW tritt als Bittsteller für die Automobilzulieferer auf, die nun in finanzielle Schieflage gerieten. Und in den USA bettelte das Kreditkartenunternehmen American Express so lange und so drängend darum, endlich eine Bank werden und dadurch am 700-Milliarden-Rettungspaket der US-Regierung teilhaben zu dürfen, bis die Federal Reserve es in dieser Woche per Eilverfahren erlaubte.

Bei American Express drohen in Folge der Immobilienkrise Zahlungsausfälle in unbekannter Höhe. Bei den Automobilbauern fehlen Einnahmen, weil die potentiellen Kunden nicht kaufen können oder wollen. Wer ist der nächste Bittsteller? Wer schreibt den nächsten Wunschzettel für Berlin, Brüssel oder Washington?

Nach Banken, Kfz-Branche und Kreditkartengewerbe könnten es die Immobilien- und Baugesellschaften sein, die ihre Objekte nicht mehr angemessen unters Volk bringen. Es könnte aber auch der Einzelhandel sein, die Textilbranche oder am Ende der Klub verarmter Millionäre.

Will sagen: Mit ihrer Politik der ständig neuen Rettungs- und Konjunkturpakete haben viele Regierungen ein Fass aufgemacht, dessen Boden nicht zu sehen ist. Viele wollen jetzt etwas abbekommen vom offenbar reichlich vorhandenen öffentlichen Geld, die Begehrlichkeiten sind geweckt und wachsen. Nicht nur, weil sich unter dem Mantel der Finanzkrise auch manch misslungenes Management-Experiment elegant verstecken ließe - nein, die Bittsteller haben auch Argumente.

Vor allem die Sorge vor Ungleichbehandlung - eine Vokabel aus dem Wörterbuch des Un-Managers - treibt die Verantwortlichen. Ein Unternehmen, das Staatsgelder in Anspruch nehme, verschaffe sich Vorteile gegenüber einem Wettbewerber, der dies nicht tue oder nicht könne. Bald werden also, damit muss man rechnen, ganze Branchen zum Bettelwettlauf antreten, und auf dem Weltfinanzgipfel wird es demnächst vor allem um eines gehen: Wer hat auf den Finanzmärkten von morgen die besten, weil staatlich gestützten, Startchancen.

Man darf gespannt sein auf das nächste Kapitel dieses globalen Wirtschafts-Thrillers.

© sueddeutsche.de/gba

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