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Debatte zwischen Jon Stewart und Bill O'Reilly:Diskussion über zentrale Themen der Politik

Die Moderatorin, E.D. Hill von CNN, musste nur selten auf ihre Tischglocke hauen und die beiden Herren zur Ordnung rufen, die etwa über die schwächelnde US-Wirtschaft, Einwanderung und den Wohlfahrtsstaat diskutierten. Für O'Reilly führt die mit Obamacare verbundene Krankenversicherungspflicht dazu, dass die Firmen verunsichert seien und keine Jobs schaffen würden. Stewart hingen macht die Folgen der globalen Finanzkrise sowie die Kriege in Irak und Afghanistan für die enormen Staatsschulden verantwortlich. "Ich werde den Eindruck nicht los, dass ihr diesen Präsidenten nach anderen Maßstäben beurteilt als seine Vorgänger", so Stewart (mehr über den vielfachen Emmy-Gewinner in diesem SZ-Porträt).

Krankenversicherung als Einstieg in die Planwirtschaft

Ihn ärgert auch die Rhetorik jener Leute, die für Probleme stets die Regierung verantwortlich machen, während der eigene Erfolg nur ihnen selbst zu verdanken sei - getreu des Parteitag-Motto der Republikaner "We built this". Immer mehr redet sich der New Yorker in Fahrt: Wie könne es sein, dass ein Unternehmer als "smart" gelte, wenn er ein legales Steuerschlupfloch finde - und jene Amerikaner, die Lebensmittelmarken brauchen als Schmarotzer diffamiert werden? Direkt wendet sich der TV-Satiriker an O'Reilly: "Glaubst du an unser Sozialsystem?" Als dieser bejaht, kontert Stewart: "Dann sind wir beide Sozialisten." Es klingt für deutsche Ohren absurd, aber im heutigen Amerika sehen viele eine allgemeine Krankenversicherung als Einstieg in die Planwirtschaft.

Natürlich ist es vor allem Jon Stewart, der Grimassen schneidert und Gags liefert. Seit Jahren wird er für seine Größe von nur 1,70 Meter von "Papa Bear" O'Reilly (1,94 Meter) verspottet, weshalb hinter seinem Pult eine Hebebühne montiert wurde, die ihn während seiner Antworten nach oben fuhr. Dass ihm die Entwicklung Amerikas Sorgen bereitet, ist seit Oktober 2010 bekannt: Damals organisierte er mit Stephen Colbert (dessen Show "The Colbert Report" übrigens eine Persiflage von "The O'Reilly Factor" ist) in Washington eine Kundgebung mit dem wunderbaren Titel "Rally to Restore Sanity and/or Fear - Demo zur Wiederherstellung des gesunden Menschenverstands und/oder der Angst". Natürlich bot "The Rumble" den Moderatoren, deren Beziehung am besten mit dem Wort frenemies (befreundete Feinde) beschrieben ist, zuletzt viele Möglichkeiten zur Selbstdarstellung: O'Reilly besuchte Stewart in dessen "Daily Show", Stephen Colbert gab Stewart als Coach eine zum Schreien komische Einführung in das Debattier-ABC, während O'Reilly sich Tipps von Fox-News-Kollegen holte.

Duell sollte wachrütteln und für respektvolle Streitkultur werben

Wer keines der Tickets, die auf dem Schwarzmarkt für 1400 Dollar gehandelt wurden, ergattern konnte, musste 4,95 Dollar für den Online-Livestream bezahlen, wobei die Hälfte der Einnahmen für wohltätige Zwecke gespendet wird. Doch zugleich war das von O'Reilly initiierte Rededuell dazu gedacht, die Amerikaner einen Monat vor der Wahl ein wenig wachzurütteln. Auch wenn O'Reilly und Stewart beherzt streiten, ist der gegenseitige Respekt stets spürbar. Und daran fehlt es oft in der heutigen US-Gesellschaft: Die Bereitschaft, jemandem zuzuhören, eine andere politische Meinung vertritt, nimmt auf dem Capitol Hill unter den Abgeordneten ebenso ab wie unter den Bürgern, die immer öfter in Stadtviertel ziehen, in denen alle entweder Demokraten oder Republikaner sind.

Dass sich das vor allem aus Studenten und jungen Erwachsenen bestehende Publikum nach einer anderen Politik sehnt, wird in der abschließenden 30-minütigen Fragerunde deutlich. Die Fans wollen nicht nur wissen, wer die politischen Helden von Jon Stewart (er nennt Robert Kennedy) und Bill O'Reilly (Abraham Lincoln) sind, sondern sie bitten auch um Tipps für die Abgeordneten, den Stillstand zu lösen. Da springt Stewart auf den Schoß des nur kurz verdutzten O'Reilly, der pessimistisch in die Kamera raunt: "Und was wünscht du dir zu Weihnachten, mein Junge?"

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