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Debatte zwischen Jon Stewart und Bill O'Reilly:"Ein Teil der Amerikaner möchte Hass hören"

Duell der Gegensätze: TV-Satiriker Jon Stewart ist der Held des liberalen Amerikas, während die Konservativen Bill O'Reilly von Fox News verehren. In einem 90-minütigen Schlagabtausch streiten sie über die Zukunft der USA, Obama und die angebliche Gefahr des Sozialismus. Obwohl Stewart sein Gegenüber zum "Bürgermeister von Bullshit Mountain" kürt, sind sich beide einig, dass die Spaltung der Gesellschaft Amerikas größtes Problem ist.

Jon Stewart, Bill O'Reilly

Jon Stewart (links) und Bill O'Reilly streiten beim TV-Duell über die Zukunft der USA, Obama und die angebliche Gefahr des Sozialismus.

(Foto: AP)

Es ist ein Duell der Superlative und ein Duell der Überzeugungen. Liberale Amerikaner lieben die "Daily Show" des TV-Satirikers Jon Stewart, während niemand beim konservativen Sender Fox News beliebter ist als Bill O'Reilly. Drei Tage nach Obama und Romney diskutieren beide über Amerikas Schulden, seine Politiker und das Mediensystem. Obwohl sich die Stars hart attackieren, senden Stewart und O'Reilly eine wichtige Botschaft aus: Amerikaner, hört der Gegenseite zu.

Dass diese Debatte anders ablaufen würde als das Duell zwischen US-Präsident Barack Obama und seinem Herausforderer Mitt Romney (Details im Süddeutsche.de-Liveblog), ließ schon der Titel ahnen. "The Rumble in the Air-Conditioned Auditorium" ist eine Anspielung an den Boxkampf "Rumble in the Jungle" zwischen Muhammad Ali und George Foreman und so teilen Bill O'Reilly und Jon Stewart von Beginn an mächtig aus.

Der Fox-News-Moderator hat für sein Anfangsstatement Pappschilder mitgebracht, mit denen er sich etwa über die Demokraten und deren angebliche Schuldenmacherei lustig machte. "Debt is bad" steht auf einem Plakat sowie "Bush is gone". Es sei langweilig und peinlich, so der 63-Jährige, dass Obama stets seinen Vorgänger für seine mickrige Bilanz verantwortlich mache.

"Gemeinsame Realität" statt Parallelwelten

Jon Stewart ist noch direkter: Amerika werde seine Probleme nie lösen, wenn sich seine Bürger nicht auf eine "gemeinsame Realität" einigen könnten. Ein Teil habe sich in eine Parallelwelt verabschiedet und deswegen müsse O'Reilly als "Bürgermeister von Bullshit Mountain" seine Leute zur Vernunft bringen. "Bullshit Mountain" hatte der Moderator als Reaktion auf die Experten von Fox News erfunden, die das heimlich gefilmte "47-Prozent-Video" von Mitt Romney zu einem Erfolg umdeuteten (Link zur Episode).

Dies war ein Thema, das der 49-Jährige in der George Washington University immer wieder betont: Fox News vermittle allzu einfache Antworten auf komplexe Sachverhalte wie den Nahost-Konflikt. Idealtypisch passen dazu die Statements von O'Reilly, der sich als Unabhängiger mit konservativen Wurzeln präsentiert: "Wenn Obama bereit wäre, sich mit Israels Premier Netanjahu zu treffen, dann würden die Iraner nicht über unsere Schwäche lachen." Dass O'Reilly zuvor Obamas Anti-Terror-Politik und den massiven Einsatz von Drohnen gelobt hatte, war da schon wieder vergessen.

Diskussion über zentrale Themen der Politik

Die Moderatorin, E.D. Hill von CNN, musste nur selten auf ihre Tischglocke hauen und die beiden Herren zur Ordnung rufen, die etwa über die schwächelnde US-Wirtschaft, Einwanderung und den Wohlfahrtsstaat diskutierten. Für O'Reilly führt die mit Obamacare verbundene Krankenversicherungspflicht dazu, dass die Firmen verunsichert seien und keine Jobs schaffen würden. Stewart hingen macht die Folgen der globalen Finanzkrise sowie die Kriege in Irak und Afghanistan für die enormen Staatsschulden verantwortlich. "Ich werde den Eindruck nicht los, dass ihr diesen Präsidenten nach anderen Maßstäben beurteilt als seine Vorgänger", so Stewart (mehr über den vielfachen Emmy-Gewinner in diesem SZ-Porträt).

Krankenversicherung als Einstieg in die Planwirtschaft

Ihn ärgert auch die Rhetorik jener Leute, die für Probleme stets die Regierung verantwortlich machen, während der eigene Erfolg nur ihnen selbst zu verdanken sei - getreu des Parteitag-Motto der Republikaner "We built this". Immer mehr redet sich der New Yorker in Fahrt: Wie könne es sein, dass ein Unternehmer als "smart" gelte, wenn er ein legales Steuerschlupfloch finde - und jene Amerikaner, die Lebensmittelmarken brauchen als Schmarotzer diffamiert werden? Direkt wendet sich der TV-Satiriker an O'Reilly: "Glaubst du an unser Sozialsystem?" Als dieser bejaht, kontert Stewart: "Dann sind wir beide Sozialisten." Es klingt für deutsche Ohren absurd, aber im heutigen Amerika sehen viele eine allgemeine Krankenversicherung als Einstieg in die Planwirtschaft.

Natürlich ist es vor allem Jon Stewart, der Grimassen schneidert und Gags liefert. Seit Jahren wird er für seine Größe von nur 1,70 Meter von "Papa Bear" O'Reilly (1,94 Meter) verspottet, weshalb hinter seinem Pult eine Hebebühne montiert wurde, die ihn während seiner Antworten nach oben fuhr. Dass ihm die Entwicklung Amerikas Sorgen bereitet, ist seit Oktober 2010 bekannt: Damals organisierte er mit Stephen Colbert (dessen Show "The Colbert Report" übrigens eine Persiflage von "The O'Reilly Factor" ist) in Washington eine Kundgebung mit dem wunderbaren Titel "Rally to Restore Sanity and/or Fear - Demo zur Wiederherstellung des gesunden Menschenverstands und/oder der Angst". Natürlich bot "The Rumble" den Moderatoren, deren Beziehung am besten mit dem Wort frenemies (befreundete Feinde) beschrieben ist, zuletzt viele Möglichkeiten zur Selbstdarstellung: O'Reilly besuchte Stewart in dessen "Daily Show", Stephen Colbert gab Stewart als Coach eine zum Schreien komische Einführung in das Debattier-ABC, während O'Reilly sich Tipps von Fox-News-Kollegen holte.

Duell sollte wachrütteln und für respektvolle Streitkultur werben

Wer keines der Tickets, die auf dem Schwarzmarkt für 1400 Dollar gehandelt wurden, ergattern konnte, musste 4,95 Dollar für den Online-Livestream bezahlen, wobei die Hälfte der Einnahmen für wohltätige Zwecke gespendet wird. Doch zugleich war das von O'Reilly initiierte Rededuell dazu gedacht, die Amerikaner einen Monat vor der Wahl ein wenig wachzurütteln. Auch wenn O'Reilly und Stewart beherzt streiten, ist der gegenseitige Respekt stets spürbar. Und daran fehlt es oft in der heutigen US-Gesellschaft: Die Bereitschaft, jemandem zuzuhören, eine andere politische Meinung vertritt, nimmt auf dem Capitol Hill unter den Abgeordneten ebenso ab wie unter den Bürgern, die immer öfter in Stadtviertel ziehen, in denen alle entweder Demokraten oder Republikaner sind.

Dass sich das vor allem aus Studenten und jungen Erwachsenen bestehende Publikum nach einer anderen Politik sehnt, wird in der abschließenden 30-minütigen Fragerunde deutlich. Die Fans wollen nicht nur wissen, wer die politischen Helden von Jon Stewart (er nennt Robert Kennedy) und Bill O'Reilly (Abraham Lincoln) sind, sondern sie bitten auch um Tipps für die Abgeordneten, den Stillstand zu lösen. Da springt Stewart auf den Schoß des nur kurz verdutzten O'Reilly, der pessimistisch in die Kamera raunt: "Und was wünscht du dir zu Weihnachten, mein Junge?"

Fragerunde nach dem TV-Duell

Als ein Zuschauer fragt, wieso er wieder für Obama stimmen sollte, schweigt O'Reilly. Stewart sagt seufzend: "Nun ja, der Gegenkandidat ist Mitt Romney." Weshalb der öffentliche Diskurs in Amerika so vergiftet sei, möchte ein Fan wissen. Stewart nennt die hysterischen Narrative, die von Tea-Party-Anhängern, Fox News und von manchen liberalen Medien verbreiten werden: Es sei falsch, dass die eine Hälfte des Landes das "Banner der Freiheit" trage, während sich der Rest den Sozialismus wünsche.

Kapitalismus als Grund für radikale Meinungen

Die Antwort von Bill O'Reilly, der seit 1996 eine eigene Show bei Fox News hat, überrascht. Es sei der Kapitalismus, der den Niedergang der öffentlichen Debatte verantwortlich sei: "Wenn du voller Hass bist und eine radikale Meinung vertrittst, dann wirst du im Radio und im Kabelfernsehen viel Geld verdienen. Du musst gar nicht an das glauben, was du sagst." Gerade im Internet gebe es leider keinerlei Regeln und Anstand, so der 63-Jährige. Es sei leider wahr, dass ein Teil der Amerikaner Hass hören wolle.

Die letzte Frage des Abends soll versöhnlich stimmen: Welchen Rat sollen die jungen Amerikaner beherzigen? Der linksliberale Jon Stewart bittet sie, zuversichtlich zu bleiben und sich nicht einreden zu lassen, dass frühere Generationen mehr Chancen gehabt hätten. Er habe großes Vertrauen in die Studenten, die er bei Veranstaltungen treffe. Die Tipps des konservativen Bill O'Reilly sind zupackender: "Arbeitet hart. Seid ehrlich. Geht auch mal offline und reist so viel ihr könnt. Findet heraus, worin ihr gut seid - und verdient damit einen Haufen Geld."

Es wäre interessant zu wissen, was Barack Obama und Mitt Romney ihren jungen Landsleuten raten würden. Wer weiß, womöglich stellt einer der Bürger bei der nächsten offiziellen Debatte, die am 16. Oktober als townhall meeting ausgetragen wird, ja genau diese Frage.

Linktipp: Weitere Infos zu "The Rumble" sind auf dieser Website verfügbar. Im September 2010 druckte das "New York Magazine" ein lesenswertes Porträt über Jon Stewart und dessen Sonderstellung in der US-Medienlandschaft. Im "New Yorker" erschien 2006 ein ausführliches Feature von Bill O'Reilly und dessen journalistischer Karriere.

© Süddeutsche.de/woja/kjan

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