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Debatte um Missbrauchsfälle:Zollitsch sagt ab

Erzbischof Robert Zollitsch sieht sexuellen Missbrauch nicht als spezifisches Problem der katholischen Kirche. Opfer gebe es vor allem im Familienumfeld. Er will deshalb keinen runden Tisch für Katholiken.

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, hat einen "runden Tisch" zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs von Kindern durch Geistliche abgelehnt. Dafür hatte vor einigen Tagen im Streit mit Zollitsch Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) plädiert.

"Sexueller Missbrauch von Kindern ist kein spezifisches Problem der katholischen Kirche. Es hat weder etwas mit dem Zölibat zu tun, noch mit Homosexualität, noch mit der katholischen Sexuallehre. Deshalb brauchen wir auch keinen runden Tisch speziell für die katholische Kirche", sagte Zollitsch der Welt am Sonntag.

Sexueller Missbrauch sei ein gesamtgesellschaftliches Problem. Zollitsch sagte, nach Angaben von Fachleuten sei die Gefahr, dass katholische Priester Kinder missbrauchten 36-mal geringer als bei anderen Berufsgruppen. Die meisten Vorfälle geschähen im Familienumfeld.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich am Sonntag erstmals persönlich zu den sexuellen Missbrauchsfällen in katholischen Schulen und anderen Kircheneinrichtungen geäußert. "Kindesmissbrauch ist eines der schrecklichsten Delikte", sagte die CDU-Politikerin im Interview der ARD-Sendung Bericht aus Berlin. Deshalb sei Aufklärung zentral.

Sie habe den Eindruck, dass die Kirche dies auch anerkenne. Merkel begrüßte es, dass der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, sich bei den Opfern entschuldigt habe und die kirchlichen Leitlinien zur Untersuchung von Missbrauchsfällen überarbeitet werden sollen.

Inzwischen sind 150 Fälle von sexuellem Missbrauch in katholischen Einrichtungen bekanntgeworden. Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger hatte ein gemeinsames Forum aus Opfer-, Staats- und Kirchenvertretern unter anderem angeregt, um der Kirche Gelegenheit zu bieten, mit den Opfern über freiwillige Entschädigungen zu reden.

Die FDP reagierte "enttäuscht" auf das Nein Zollitschs. Der parlamentarische Geschäftsführer und rechtspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion, Christian Ahrendt: "So entsteht nicht mehr Vertrauen der Öffentlichkeit in die Aufarbeitungsbemühungen der katholischen Kirche, insbesondere vor dem Hintergrund der stetig gestiegenen Opferzahlen in den letzten Tagen und einer bedauerlicherweise immer noch zu befürchtenden großen Dunkelziffer."

Der von Leutheusser-Schnarrenberger vorgeschlagene runde Tisch "böte die Möglichkeit, unabhängig von der strafrechtlichen und strafprozessualen Regelung einen Dialog mit den Opfern aufzunehmen und zur Aufarbeitung beizutragen". Die katholische Kirche solle ihre Ablehnung noch einmal überdenken.

Sollte die Ministerin einen runden Tisch für alle gesellschaftlich relevanten Gruppen einrichten, werde die Kirche "natürlich dabei" sein, erklärte Zollitsch. Jedenfalls nehme er die Einladung der Ministerin zu einem Gespräch an. Er hält es für positiv, wenn über die Verlängerung der Verjährungsfrist bei sexuellem Missbrauch debattiert wird. "Dabei sind die Anliegen der Opfer sowie der Umstand zu berücksichtigen, dass die Taten oft lange zurückliegen."

"Wir haben dazugelernt"

Auf die Frage, warum viele Missbrauchsopfer lange bei kirchlichen Stellen auf taube Ohren stießen, sagte der Erzbischof: "Diese Fälle liegen in der Regel 25, 30 Jahre zurück. Damals hat man geglaubt, dass, wenn die Täter ihr Unrecht einsehen, das nicht mehr vorkommt. Es war naiv, das zu glauben."

Gleichzeitig habe man damals das ganze Thema anders beurteilt. Zollitsch: "Es gab in den 70er Jahren eine Diskussion, ob die Strafbarkeit von Sexualität mit Kindern abgeschafft werden sollte. Wir haben das von der Moraltheologie her immer abgelehnt. Aber der Umgang mit dem Thema war nicht reflektiert. Da haben wir dazugelernt."

Der Erzbischof von München und Freising, Reinhard Marx, forderte die Kirche angesichts der Missbrauchsfälle in kirchlichen Schulen zu Umkehr und ehrlicher Aufklärung auf. Im Münchner Liebfrauendom sagte Marx am Sonntag einer Mitteilung zufolge: "Mit Bestürzung und Scham müssen wir feststellen, dass in der Mitte der Kirche, in der Gemeinschaft der Gläubigen, vieles geschehen ist, was wir mit Schrecken wahrnehmen." Dies sei der Aufruf dazu, "nichts zu verschweigen, nichts zu vertuschen, der Wahrheit ins Auge zu sehen", sagte Marx weiter.

© sueddeutsche.de/Reuters/dpa/pfau/liv

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