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Debatte um Flüchtlinge:"Geh doch weg!"

Bautzen Rechte gegen Fluechtlinge Rechte demonstrieren in Bautzen gegen Fluechtlinge Am Sonntag den

In einer gespaltenen Stadt: Rechtsextremisten marschieren im September 2016 im ossächsischen Bautzen auf.

(Foto: imago/Christian Ditsch)

Ein Gesprächsabend soll im politisch zerstrittenen und gespaltenen Bautzen den Weg "zurück zur Sachlichkeit" ebnen - der Versuch scheitert.

"Gehen Sie wieder!" Dieser Satz trifft Annalena Schmidt wie eine Ohrfeige. Aufrecht und starr sitzt sie vor dem Altar der Maria-und-Martha-Kirche in Bautzen. Hinter ihr hängt ein schwarzes Kreuz aus Edelstahl, daneben zwei bunte Sträuße aus Tulpen. Normalerweise feiert die evangelische Gemeinde hier ihren Gottesdienst. Doch an diesem Freitagabend ist der Altarraum ein Ort der Wut. Wut gegen all jene, die sich kritisch über die Stadt äußern.

Zu dieser Gruppe gehört Annalena Schmidt, die sich gegen Rechtsextremismus engagiert. Sie ist Beleidigungen und Drohungen auf Twitter oder Facebook gewohnt. Doch an diesem Abend blickt sie direkt in die Gesichter von Menschen, die keinen Hehl aus ihrem Hass machen. Wie die ältere Frau mit Brille, die neben ihr auf dem Podium sitzt. Was sie denn schon geleistet habe, fragt die sie. "Außer diese Stadt fertigzumachen." Und dann zum Schluss dieser Satz: "Gehen Sie wieder!"

"Zurück zur Sachlichkeit", heißt das Gesprächsforum, zu dem Oberbürgermeister Alexander Ahrens (SPD) am Freitagabend eingeladen hatte. Der Titel klingt wie der Versuch, die Zeit zurückzudrehen. In eine Vergangenheit, in der in Bautzen noch nicht das Hotel "Husarenhof" und damit eine geplante Flüchtlingsunterkunft abbrannte. Als die Stadt noch für ihren Senf und die schöne Altstadt bekannt war - und nicht für die Ausschreitungen zwischen Rechtsextremen und Asylbewerbern im Herbst 2016.

Doch die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, die Stadt in Ostsachsen gilt bundesweit als Symbol für Fremdenfeindlichkeit. Im Mai sind Kommunal-, im Herbst Landtagswahlen. Und durch die Bürgerschaft mit ihren 40 000 Einwohnern zieht sich noch immer ein tiefer Riss, der nun mithilfe einer Reihe von Dialogveranstaltungen wie "Zurück zur Sachlichkeit" gekittet werden soll.

Für den Auftakt hat die Stadt ausgerechnet zwei Menschen als Impulsgeber ausgewählt, die in Bautzen besonders polarisieren. Annalena Schmidt und Jörg Drews. Schmidt arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin für das Sorbische Institut. Im Internet thematisiert sie fremdenfeindliche und rechtsextreme Vorfälle in der Stadt. Die Bundesregierung zeichnete sie als "Botschafterin für Toleranz" aus. Es war Schmidt, die die Aufmerksamkeit auf den lange sehr öffentlichkeitsscheuen Bauunternehmer Drews lenkte, der ihr an diesem Abend gegenübersitzt.

Drews' Firma Hentschke-Bau ist einer der größten Arbeitgeber der Region, beschäftigt 700 Mitarbeiter. Drews hat Einfluss in der Stadt. Einfluss, den nicht nur Schmidt, sondern auch einzelne Stadträte der Linken und Grünen mit Unbehagen sehen. Denn Drews gilt nicht nur als Wohltäter, sondern auch als jemand mit politischer Agenda. Der Alternative für Deutschland (AfD) spendete Hentschke-Bau 2017 im Bundestagswahljahr 19 500 Euro. In Bautzen unterstützt Drews unter anderem das Magazin Denkste, das im Internet Verschwörungstheorien verbreitet. Der Unternehmer sprach auch wiederholt auf Kundgebungen, die sich gegen den UN-Migrationspakt richteten.

Beifall für den AfD-Gönner und Buhrufe für die Frau, die sich gegen rechte Umtriebe engagiert

Seine Kritiker werfen Drews vor, sich in der Stadt Sympathien erkaufen zu wollen, um Kritik an seinem politischen Engagement unmöglich zu machen. Drews hat in der Vergangenheit bereits gedroht, notfalls woanders hinzugehen, sollte die Region seiner überdrüssig werden.

Drews gegen Schmidt - die Konstellation sorgt für großes Interesse an "Zurück zur Sachlichkeit". Mehr als 850 Menschen sind gekommen. Nach Impulsvorträgen von Drews und Schmidt können diskussionswillige Bautzner nach vorne kommen, um mitzudebattieren, sagt der Moderator. Und mahnt: "Bitte versuchen Sie zuzuhören und wirklich mit den Menschen zu reden."

Doch bereits nach wenigen Minuten wird klar, dass der Abend dem selbstgestellten Anspruch nicht gerecht wird. Annalena Schmidt hält mit zitternder Hand ihr Redemanuskript. Sie beschreibt Bautzen als eine zerklüftete Landschaft, mit kleineren und größeren Gräben, die es zu überwinden gilt. Sie berichtet von ihrem Engagement in der Stadt, widerspricht der Behauptung, dass Deutschland kein Rechtsstaat sei - und zitiert das Grundgesetz: "Eine Zensur findet nicht statt." Lautes Gelächter und Buhrufe. Hände hämmern auf Holzbänke. Erst nach einem Zwischenruf des Moderators kann Schmidt weiterreden.

Jörg Drews wird dagegen mit lautem Beifall bedacht. Er beschwört Gefahren, die von einer multikulturellen Gesellschaft ausgehen; spricht von fehlender Solidarität, von "Zersetzung". All diese Angst bettet er in Liebesbekundungen an die Stadt ein. Er sei einer von hier. Einer, der in Bautzen seine Lehre gemacht habe - und jetzt schon lange hier Steuern zahle. Drews setzt damit auch den Ton für die Debatte. Die folgenden anderthalb Stunden sind von der Frage geprägt, wer eigentlich Bautzener ist. Wer dazugehört - und wer nicht. Drews gehört dazu - Schmidt, die lange im hessischen Gießen lebte und erst 2015 nach Bautzen kam, nicht. Das scheint die vorherrschende Meinung unter jenen zu sein, die sich zu Wort melden.

Eine Frau sagt, sie sei auch noch nicht lange in Bautzen. Angesichts dieses Abends schäme sie sich, hier zu wohnen. Die Menge brüllt: "Geh doch weg!" Der Altarraum wird zum Schauplatz für ein Tribunal, bei dem die Bautzener mit Zwischenrufen über Schmidt und ihre Unterstützer richten. Als Schmidt Beleidigungen zitiert, mit denen sie auf Facebook verunglimpft werde, quittiert die Menge das mit Gelächter. Schließlich fühlt sich Oberbürgermeister Ahrens bemüßigt, sich gegen die Beleidigungen zu stellen. Über Brückenbauer Drews sagt er: "Seine Firma steht für Qualität". Man müsse Politik und Unternehmen voneinander trennen.

Der Moderator versucht immer wieder, die Diskussion von den Personen Schmidt und Drews wegzuleiten. Er stellt die Frage, wie die Bautzener künftig besser miteinander diskutieren könnten. Eine Zuhörerin fragt das Publikum, ob es denn eigentlich nicht nur gegen, sondern auch für etwas sei. Antworten werden keine gefunden. Nach zwei Stunden weist Oberbürgermeister Ahrens darauf hin, dass die Veranstaltung nur ein Auftakt gewesen sei und man noch dazulerne.