Debatte um Essener Tafel "Wir lassen uns nicht von der Kanzlerin rügen"

Der Vorsitzende des Bundesverbandes Deutsche Tafel e. V., Jochen Brühl.

(Foto: Claus Schunk)

Die aktuelle Entwicklung sei eine Konsequenz der Politik der Kanzlerin, sagt Jochen Brühl, Chef der Tafeln in Deutschland.

Der Vorsitzende der Tafeln in Deutschland, Jochen Brühl, hat die Kritik von Kanzlerin Angela Merkel an dem vorläufigen Aufnahmestopp für Ausländer an der Essener Tafel zurückgewiesen. "Wir lassen uns nicht von der Kanzlerin rügen, denn die aktuelle Entwicklung ist eine Konsequenz ihrer Politik", sagte Brühl der Neuen Osnabrücker Zeitung. Er erwarte von einer Bundeskanzlerin, sich deutlich vor die Tafeln, ihre Arbeit und die Ehrenamtlichen zu stellen, sagte er. In Bezug auf die Debatte um die Essener Tafel sprach Brühl von einer Skandalisierung eines lokalen Vorgangs, die den wirklichen Skandal verdränge: "Deutschland hat ein enormes Armutsproblem." Politiker müssten sich fragen, welchen Anteil sie an den wachsenden Problemen haben. Es gebe einen "unfassbaren Niedriglohnsektor", eine unzureichende Grundsicherung und eine unausgegorene Zuwanderungspolitik: "Die politischen Rahmenbedingungen müssen verbessert werden, das ist nicht die Aufgabe der Tafel. Das ist Aufgabe des Staates."

Merkel hatte sich am Montag kritisch zu der Entscheidung der Essener Tafel geäußert, keine Ausländer mehr aufzunehmen. "Da sollte man nicht solche Kategorisierungen vornehmen. Das ist nicht gut", sagte die CDU-Chefin. Sie hatte aber darauf hingewiesen, dass dies den Druck zeige, den es gebe.

Auch im nahen Marl erhalten alleinstehende Männer derzeit keine Berechtigungsausweise für die Lebensmittelausgabe. Die Regelung sei eingeführt worden, nachdem man wegen der zahlreichen Flüchtlinge an Kapazitätsgrenzen gestoßen sei, sagte die Vorsitzendes des Trägervereins, Renate Kampe, am Donnerstag. Es würden nur noch Familien mit Kindern oder Rentner aufgenommen. In der Praxis treffe diese Regelung vor allem Ausländer, aber man habe auch schon deutsche Männer abweisen müssen. "Das Hauptproblem ist, dass wir nicht genug Ware haben", sagte Kampe. Das Verhalten der Flüchtlinge sei kein Problem: "Da werden wir gut mit fertig."