Debatte um die Beschneidung Leiden vermeiden

In Israel lassen sich junge Menschen heute sogar die Nummern ihrer einst nach Auschwitz deportierten Vorfahren eintätowieren - ein bewegender Tribut. Würde aber ein religiöses Oberhaupt entscheiden, es sei das Gebot Gottes, Babys zu tätowieren, wäre ein Aufschrei der Weltöffentlichkeit garantiert. Religiöse Juden bringen auch keine Tieropfer dar und praktizieren weder Polygamie noch folgen sie anderen Ritualen, die aufgeklärte Rabbiner im Laufe der Jahrhunderte mit gutem Grund abgeschafft haben. Ironischerweise plädierten in Deutschland bedeutende Rabbiner wie Abraham Geiger bereits im 19. Jahrhundert - lange vor der Nazi-Zeit - auch für die Abschaffung der Beschneidung. Geiger selbst bezeichnete sie sogar als barbarischen Akt. Und Theodor Herzl, der Begründer des modernen Zionismus, willigte nicht in die Beschneidung seines Sohnes ein.

Der jüdischen Erziehung, die ich erfahren habe, verdanke ich einen besonderen jüdischen Wert, der mich bei allen wichtigen Filmen, die ich gemacht habe, geleitet hat: Es ist die Ermahnung, sich an Tzaar Baalei Chajim zu halten, das Vermeiden des Leidens von Lebewesen. Wenn ich nun die Aussagen von Hunderten amerikanischer Männer lese, die unter den lebenslangen Folgen der medizinisch nicht notwendigen Beschneidung leiden, der sie als Kinder unterzogen wurden, dann kann ich als Jude, der diesen zutiefst jüdischen Wert verinnerlicht hat, nicht akzeptieren, dass dieses Ritual fortgesetzt wird.

Das wahre Lob für einen "Schöpfer"

In Anbetracht der heutigen Kenntnisse über die mit einem solchen Ritual verbundenen Schmerzen und möglichen Komplikationen ist ein Verbot des Eingriffs an Kleinkindern, wie es der alternative Gesetzentwurf von mehr als sechzig Bundestagsabgeordneten der Opposition vorsieht, nur folgerichtig. Danach dürfte eine Beschneidung nur dann nach den Regeln der ärztlichen Kunst mit effektiver Betäubung in einem Krankenhaus vorgenommen werden, wenn auch der wenigstens 14 Jahre alte und einwilligungsfähige Junge über mögliche Folgen und Risiken aufgeklärt wurde - und eingewilligt hat. Das würde die Verbreitung dieses Brauchs vermutlich einschränken und die Häufigkeit von Todesfällen und das Leid der Betroffenen erheblich verringern.

Ich begrüße diese alternative Vorlage zu dem Entwurf der deutschen Regierung. Sollten Juden und Muslime für die Generation meiner Tochter und alle folgenden Generationen die Kinderrechte nicht würdigen? Und schließlich gibt es Initiationsriten ohne einen so massiven Eingriff, die für neugeborene Jungen und Mädchen mindestens genauso bedeutungsvoll sein könnten. Eine kleine Minderheit von Rabbinern in Amerika zelebriert bereits Brit Shalom - und ihre Zahl wächst. Sie feiern die Tatsache, dass alle Kinder perfekt zur Welt kommen. Und darin liegt doch letztendlich das wahre Lob für einen "Schöpfer", und nicht in der "operativen Korrektur" bei jedem neugeborenen Jungen.

Mein Appell an den Bundestag ist einfach: Machen Sie die Chancen für einen Wandel, die Ihre Richter in Köln so mutig ergriffen haben, bitte nicht zunichte. Jüdische und muslimische Kinder verdienen es, vor einem schmerzhaften, gefährlichen und längst überfälligen Brauch geschützt zu werden.

Wenn es im 21. Jahrhundert eines deutschen Gerichts bedarf, um das Beschneidungsritual abzuschaffen, dann begrüße ich - auch und gerade als Jude - diesen Schritt.

Der britische Filmemacher Victor S. Schonfeld ist Jude - und ein Gegner der Beschneidung aus religiösen Gründen. Das Ritual ist ihm zufolge deutlich gefährlicher als häufig behauptet wird.

(Foto: Victor S. Schonfeld)

"It's A Boy" ist in Ausschnitten auf Youtube zu sehen. Informationen finden Sie hier.