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Debatte um das Endlager:Gesucht: Gruft für strahlende Altlasten

Nach dem Ausstieg ist vor der Endlagerdebatte: In den vergangenen Jahrzehnten versuchte die Politik mit aller Macht, den Salzstock Gorleben als Atommülldeponie durchzusetzen. Jetzt will Schwarz-Gelb eine neue Suche starten. Das lässt die Gegner von Gorleben hoffen, doch der Streit um den Salzstock dürfte noch nicht zu Ende sein. Die Schweiz ist da weiter - ausgerechnet mit Hilfe eines Expertenberichts, der in Deutschland in der Versenkung verschwand.

In Deutschland, erzählt der Schweizer Nuklear-Experte Michael Aebersold, da gehe es meist sehr emotional zu. Dort werde er mit Trommeln und Pfiffen empfangen. Aebersold leitet das Endlagersuchverfahren für das schweizerische Bundesamt für Energie (BfE). Dazu gehören Informationsveranstaltungen an potentiellen Endlagerstandorten. Einige davon befinden sich an der Grenze zu Deutschland.

Atommuellendlager in Gorleben fraglich

Das Erkundungsbergwerk Gorleben: Die Bundesregierung will mit dem Atomausstiegsbeschluss die Suche nach einem atomaren Endlager neu starten. Allerdings ist Gorleben als möglicher Standort noch nicht vom Tisch.

(Foto: dapd)

Bei der Suche nach einem Endlager setzt die Schweiz - anders als Deutschland - auf Transparenz und Bürgerbeteiligung. Offensiv werden dabei die deutschen Nachbarn einbezogen. Sie werden von den Schweizern regelrecht aufgemuntert, ihren Protest kundzutun und über ihre Klagemöglichkeiten vor Schweizer Gerichten aufgeklärt.

Proteste gibt es zwar auch in der Schweiz. Doch die Frage nach dem Endlager werde in seiner Heimat inzwischen sehr viel ruhiger und sachlicher diskutiert, erzählt Aebersold. "Wir legen alles auf den Tisch", erklärt er. "Man hält uns für kompetent, transparent und integer", sagt er und da schwingt auch ein wenig Stolz in der Stimme mit.

Das war auch mal anders. Der Standort Benken bei Zürich galt schon als Endlagerstandort. Die Proteste aber waren so groß, dass die Erkundungen dort abgebrochen wurden. Vor drei Jahren dann haben die Schweizer die Endlagersuche völlig neu aufgerollt. Transparent, ergebnisoffen und mit maximaler Beteiligung der Menschen. Ein von allen Seiten anerkanntes Verfahren.

Nur erfunden haben es die Schweizer nicht. Erfunden haben es die Deutschen. Grundlage ihrer Strategie ist ein deutscher Expertenbericht aus dem Jahr 2002. Er zeigt erstmals wissenschaftliche Kriterien für eine Endlagersuche auf. Es geht gleichermaßen um technische Anforderungen wie um Verfahren der Bürgerbeteiligung.

Erstellt hat den Bericht der vom damaligen Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) eingesetzte Arbeitskreis Auswahlverfahren Endlagerstandorte, kurz AK End. Drei Jahre lang haben die 16 Mitglieder des AK End an dem Bericht gearbeitet. Die Schweiz nutzt die Erkenntnisse der Expertengruppe aus dem Jahr 2002 nun für eine erstaunlich konfliktfreie Endlagersuche. Mit einer Volksabstimmung über zwei oder drei verbliebene Standorte soll sie abgeschlossen werden.

In Deutschland aber verschwand das Papier in der Schublade. Vielleicht kommt es jetzt zu neuen Ehren. Denn Schwarz-Gelb hat den Ausstieg aus der Atomenergie bis 2022 beschlossen und in diesem Zusammenhang empfiehlt die von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) eingesetzte Ethikkommission auch einen Neustart in der Endlagersuche. Hier ist die Situation seit Jahrzehnten verfahren.

Mit aller Macht versuchte die Politik, den Standort Gorleben durchzusetzen. Es hieß, der Salzstock im niedersächsischen Wendland sei alternativlos. Dass der Atommüll endgelagert werden muss, ist allen klar. Aber eben bitte nicht vor der eigenen Haustür. Bei der neuen Suche gilt es, ein zweites Gorleben zu vermeiden, das zum Zentrum und Symbol der Anti-Atom-Bewegung geworden ist.

Nach Baden-Württemberg hat sich nun auch Bayern für die neue, bundesweite Endlagersuche geöffnet. Bayerns Umweltminister Markus Söder (CSU) aber erklärt schon mal vorauseilend, dass die geologischen Voraussetzungen im Freistaat nicht optimal seien. Er hat sogar schon bestritten, dass es in Bayern überhaupt möglich sei, Atommüll endzulagern - eine von Geologen längst widerlegte Behauptung. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe hat schon 1995 Karten entwickelt, die Alternativen zu Gorleben aufzeigen.

In Frage kommen etwa die Salzstöcke Wahn und Zwischenahn im westlichen Niedersachsen oder Gülze-Sumte östlich von Hamburg und Waddekath in Sachsen-Anhalt. Mit Hilfe der Kriterien des AK End wurden auch Tonvorkommen grundsätzlich geprüft. Für untersuchungswürdig hält das BGR Tonschichten in Nord- und Süddeutschland, also auch an der Grenze zwischen Bayern und Baden-Württemberg. Eine Übersichtskarte über Salz- und Tonvorkommen finden Sie hier.