Debatte um andere Russlandpolitik Gehabe ist der Geschlechtstrieb der Politik

Kohl ist zu Recht befremdet über die Ausgrenzung Russlands; er verurteilt zu Recht, dass sich die G-7 Staaten im Juni ohne Russland getroffen haben, dass sie das Land aus dem Treffen der größten Industrienationen der Welt hinausgedrängt haben. Das war nicht Diplomatie, das war Gehabe.

Gehabe ist der Geschlechtstrieb der Politik. Polternd-herablassende Sprache gehört auch zum Gehabe. Solches Gehabe beherrscht nicht nur Putin ausgezeichnet, Obama kann es auch. Es war wenig hilfreich, dass er Russland als "Regionalmacht" verhöhnt hat; ohne die "Regionalmacht" sind die großen Weltkonflikte nicht zu lösen. Und es ist auch wenig hilfreich, wenn Putin fast tagtäglich eine "anti-westliche Rhetorik" vorgeworfen wird. So etwas ist lächerlich, wenn die Rhetorik zwischen West und Ost seit Monaten Ping-Pong spielt.

Tarnbegriff "Russland-Versteher"

Es gehört zu der merkwürdigen Rhetorik, die den Ukraine-Konflikt begleitet, dass Leute wie Herzog und Vogel, wenn sie vor einem Krieg in Europa warnen, als "Russland-Versteher" tituliert werden; dieses Wort wird oft als Kampf- und Tarnbegriff für angebliche Arschkriecherei eingesetzt.

Verstehen hat aber nichts zu tun mit beschwichtigen, verzeihen oder gar verklären Die Motive des anderen zu verstehen, ist Grundlage für alle Verhandlungen. Wer das schmäht, wer nicht mehr verstehen will, der will nicht mehr verhandeln. Das wäre absolut nicht mehr zu verstehen.

Angela Merkel, deren Russland-Kurs von ihren Vorgängern als zu harsch kritisiert wird, muss diese Kritik annehmen und mit ihr klug umgehen - diese Kritik also verstehen. Wenn man, wie sie, eine große Koalition regiert, ist man das nicht mehr gewöhnt. Dann werden Altkanzler zur außerparlamentarischen Opposition; Ihre Mahnungen sind dadurch nicht weniger wert.

Die Positionierung als Generationen-Frage

Zu konstatieren ist eine tiefe Meinungsspaltung in Deutschland: Auf der einen Seite stehen die, die als "Russland-Versteher" tituliert werden, auf der anderen Seite die Putin-Gegner. Auf der einen Seite stehen die, die an den Wandel durch Annäherung glauben; auf der anderen diejenigen, die davor warnen, auf einen Wandel durch Anbiederung zu vertrauen. Es gibt viel Entweder - Oder, es gibt wenig dazwischen. Die Positionierung ist offenbar auch eine Generationen-Frage. Das Durchschnittsalter der Unterzeichner des Aufrufs liegt weit jenseits der 65. Es sind Leute, die den Kalten Krieg erlebt und zum Teil an der Überwindung der Spaltung Europas selbst mitgewirkt haben.

Eine jüngere Generation, weit weg vom 2. Weltkrieg aufgewachsen, urteilt über Russland viel schärfer, russlandkritischer, sanktionsfreundlicher und drohender. Diese Generation ist mit Gorbatschows Glasnost und Perestroika politisch sozialisiert worden, sie hat den Wert den Freiheits- und der Menschenrechte inhaliert - und sie ist vom Putin-Russland und der dortigen Regression bei den Freiheits- und Menschenrechten schrecklich enttäuscht. Aber auch in dieser Enttäuschung kann der Rat der Alten wichtig und richtig sein.

Das gemeinsame Europäische Haus sieht schon fast wieder so aus wie der Bahnhof von Bayerisch Eisenstein in den Zeiten des Kalten Krieges. Dort, an der tschechischen Grenze, der Grenze zum damaligen Ostblock, ging eine massive Mauer quer durch die Bahnhofshalle. Das Klo war im Osten. 1991 öffnete Helmut Kohl den Grenzbahnhof wieder. Es ist Zeit für die Neuöffnung Europas. Russland ist ein Teil davon. Es wäre gut, wenn man das auch in der Art des Umgehens miteinander wieder spüren würde.