Süddeutsche Zeitung

Debatte in Berlin:Kann Satire Politik sein?

AfD-Adventskalender oder Fake-Aktionen, damit erreichen Die Partei oder das Zentrum für Politische Schönheit sehr viele Menschen. Mit Cem Özdemir und Nicola Beer diskutieren sie über die Gefahren dieser Entwicklung.

Von Hannah Beitzer, Berlin

Witzemachen über die AfD, das ist eigentlich zu einfach. Sagt Shahak Shapira, Propagandaminister der Satirepartei "Die Partei" - macht es aber trotzdem, es juckt ihn in den Fingern, gerade weil es so einfach ist. Zum Beispiel als der Komiker - Hobbys: Hummus und Markus Söder - 2016 um die Weihnachtszeit sah, dass die AfD einen politischen Adventskalender für ihre Follower in sozialen Medien postete. Dann hat er halt auch einen AfD-Adventskalender gemacht. "Nur ehrlicher."

Unter dem Bild einer lächelnden Beatrix von Storch stand dann "Wir kriegen nur Männer aus östlichen Ländern, ohne Sprachkenntnisse oder Ausbildung. Aber so sind nun mal unsere Wähler." Viele Leute finden das witzig, Shapira findet es auch witzig. Aber: Ist das auch politisch relevant?

Ist Satire die Einstiegsdroge in die Politik?

So lässt sich das Spannungsverhältnis beschreiben, in dem sich die Veranstaltung des öffentlich-rechtlichen Jugendangebots Informr bewegt, auf der Shapira an einem Berliner Sommerabend neben Cem Özdemir (Grüne), Nicola Beer (FDP) und Cesy Leonard, Aktivistin des Aktionskunstkollektivs "Zentrum für Politische Schönheit", sitzt. Die Veranstaltung ist in einem Club im Osten der Stadt, das Publikum trägt "Refugees welcome"-Rucksäcke und Sneakers. "Politische Satire erreicht Millionen Menschen - während politische Nachrichten als dröge empfunden werden", heißt es in der Ankündigung. "Kann das den Einstieg in die politische Diskussion erleichtern oder ist es eine gefährliche Entwicklung?"

Dass einer wie Shapira seinen Beruf ernst nimmt, sehen die Zuschauer schon daran, dass er die Frage nach dem politischen Ziel von Satire ziemlich konsequent zurückweist. "Was ist die Aufgabe von Satire?", fragt zum Beispiel Moderator Jan Schüttmann. "Keine Ahnung", sagt der Satiriker. "Sobald Satire eine Aufgabe bekommt, wird sie unlustig." Die Weigerung, sich auf eine Botschaft festzulegen, auf eine Haltung, eine Aufgabe - sie wird auch "Der Partei" immer wieder vorgeworfen. Ist das gerade wirklich der richtige Ansatz, in diesen polarisierten Zeiten, in denen es um so viel geht?

Cem Özdemir und Nicola Beer legen da eine recht entspannte Haltung an den Tag. Der Tenor: Satire darf alles. Als Beispiel kommt Jan Böhmermanns Schmähgedicht auf den türkischen Präsidenten Erdoğan. "Das muss mir nicht gefallen", sagt Beer. "Aber ich würde immer dafür kämpfen, dass es möglich ist."

Am Wahltag hört der Spaß auf

Für Cem Özdemir hört der Spaß allerdings auf, wo Menschen lieber "Der Partei" ihre Stimme geben als den Grünen oder der FDP. Zur Bundestagswahl trat sie mit dem Komiker Serdar Somuncu als Spitzenkandidaten an. "Wenn es am Wahltag in die Kabine geht, dann ist das eine ernste Veranstaltung", sagt Özdemir. "Die Partei" erhielt am Ende ein Prozent der Stimmen, Spitzenkandidat Somuncu in seinem Berliner Wahlkreis immerhin 7,2 Prozent.

Auf kommunaler Ebene hat sie bereits einige Mandate, im Europaparlament ist sie durch ihren Chef Martin Sonneborn vertreten. Der greift immer wieder in satirischen Reden die Absurditäten der europäischen Politik auf. Verschenkte Stimmen seien das, die andere Parteien im Kampf gegen die AfD gut gebrauchen könnten, kritisiert Özdemir.

Clowns im Parlament und virale Bundestagsreden

Shapira entgegnet: In einer Demokratie solle doch bitte jeder das wählen, was er wolle. Im Übrigen hätte er einen Abgeordneten Somuncu ziemlich gut gefunden: "Schau dir doch mal an, welche Clowns sonst so im Parlament sitzen." Und: "Werdet besser, dann nehmen wir euch die Stimmen nicht weg." Doch gleich grinst er versöhnlich. Auch die Politikverachtung, mit der seine "Partei" oft genug spielt, ist bei ihm eben das: ein Spiel.

Er lobt zum Beispiel minutenlang die inzwischen berühmt gewordene Rede, in der Cem Özdemir mit der AfD abrechnet. "Dieses Deutschland ist stärker, als es Ihr Hass jemals sein wird", rief Özdemir den AfD-Abgeordneten zu. Die Leute befürchteten ja manchmal, so sagt es Shapira, dass die AfD ein zu großes Forum erhalte, wenn man auf sie reagiere. Aber er sehe es so: "Die geben uns ein Forum." Und in Richtung Özdemir: "Du bist viral gegangen, mit einer Bundestagsrede!" Das sei doch eigentlich eine gute Sache. "Du hast in einer Bundestagsrede mehr gesagt als die Kanzlerin in fünf Jahren." Eine Kanzlerin übrigens, die er für viele Dinge schätze, sagt er an anderer Stelle: "Tolle Frau."

Was ist die richtige Strategie gegen die AfD?

Özdemir wiegelt zwar ab: Ihm wäre es lieber, es gäbe keine Anti-AfD-Reden, die viral gingen - dann nämlich, wenn die AfD erst gar nicht im Bundestag sitze. Aber er gibt auch zu: "Gerade weil ich so einen Özelbrözel-Namen habe, habe ich eine Heidenfreude denen zu sagen: Das geht hier in Deutschland nicht." Dass einer wie er, dessen Eltern aus der Türkei kommen, von "unserem" Land spreche, mache die wahnsinnig. Einhellig beklatscht die Runde auch die Idee des SPD-Abgeordneten Johann Saathoff, der einen Antrag der AfD, Deutsch als Landessprache ins Grundgesetz aufzunehmen, auf Plattdeutsch konterte. Satire kann also auch von ansonsten ernsthaften Politikern kommen - und Wirkung zeigen.

Vom Thema Satire bewegt sich die Diskussion dann allerdings ziemlich weit weg, es geht um Strategien gegen die AfD: Muss man ihre Themen auch mal ignorieren? Oder sich immer und überall konsequent dagegen aussprechen? Was ist der richtige Umgang mit den Wählern, die zwar irgendwie rassistisch seien, aber auch andere, berechtigte Sorgen hätten? Özdemir lobt zum Beispiel das Holocaust-Mahnmal, das das Zentrum für Politische Schönheit im Garten von AfD-Politiker Björn Höcke aufgestellt habe. Bei menschenfeindlichen Äußerungen gelte: "Immer auf die Zwölf."

Also Schluss mit lustig? Die Aktionskünstlerin Cesy Leonard weist wie Shapira die Frage nach dem politischen Ziel von Satire zurück - wenn auch mit einer anderen Begründung. Als Satire würde sie ihre Kunst nämlich absolut nicht bezeichnen. "Wir meinen es ernst." Wer einmal eine ihrer Aktionen begleitet hat, der dürfte daran keinen Zweifel haben.

Cem Özdemir macht ein Angebot

Der Moderator versucht es trotzdem. Er erinnert an die Aktion "Kindertransporthilfe des Bundes". 2014 hatten die Aktivisten des Zentrums eine Webseite des Bundesfamilienministeriums fingiert, auf der die damalige Ministerin Manuela Schwesig ankündigte, 55 000 syrische Kinder aus dem Krieg zu retten. Das sei doch ein klassischer Fake gewesen, also Satire, wie sie etwa Jan Böhmermann immer wieder produziere. "Das war eine Adaption der Wirklichkeit", sagt Leonard, ohne eine Miene zu verziehen, "eine Anregung". Denn im Zweiten Weltkrieg habe ja die britische Regierung Ähnliches mit jüdischen Kindern getan." Auch so viel heiliger Ernst kann natürlich Teil der Show sein, so viel Ambivalenz muss der Mensch der Gegenwart schon ertragen.

Am Schluss steht dann ein Angebot von Cem Özdemir: "Serdar Somuncu schreibt mir eine Rede für den Bundestag, die halte ich. Dafür gebt ihr bei der nächsten Wahl einer demokratischen Partei die Stimme." Allerdings, jugendfrei müsste die Rede schon sein. Denn Bundestag bleibt Bundestag.

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