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Debatte in Berlin:Clowns im Parlament und virale Bundestagsreden

Shapira entgegnet: In einer Demokratie solle doch bitte jeder das wählen, was er wolle. Im Übrigen hätte er einen Abgeordneten Somuncu ziemlich gut gefunden: "Schau dir doch mal an, welche Clowns sonst so im Parlament sitzen." Und: "Werdet besser, dann nehmen wir euch die Stimmen nicht weg." Doch gleich grinst er versöhnlich. Auch die Politikverachtung, mit der seine "Partei" oft genug spielt, ist bei ihm eben das: ein Spiel.

Er lobt zum Beispiel minutenlang die inzwischen berühmt gewordene Rede, in der Cem Özdemir mit der AfD abrechnet. "Dieses Deutschland ist stärker, als es Ihr Hass jemals sein wird", rief Özdemir den AfD-Abgeordneten zu. Die Leute befürchteten ja manchmal, so sagt es Shapira, dass die AfD ein zu großes Forum erhalte, wenn man auf sie reagiere. Aber er sehe es so: "Die geben uns ein Forum." Und in Richtung Özdemir: "Du bist viral gegangen, mit einer Bundestagsrede!" Das sei doch eigentlich eine gute Sache. "Du hast in einer Bundestagsrede mehr gesagt als die Kanzlerin in fünf Jahren." Eine Kanzlerin übrigens, die er für viele Dinge schätze, sagt er an anderer Stelle: "Tolle Frau."

Was ist die richtige Strategie gegen die AfD?

Özdemir wiegelt zwar ab: Ihm wäre es lieber, es gäbe keine Anti-AfD-Reden, die viral gingen - dann nämlich, wenn die AfD erst gar nicht im Bundestag sitze. Aber er gibt auch zu: "Gerade weil ich so einen Özelbrözel-Namen habe, habe ich eine Heidenfreude denen zu sagen: Das geht hier in Deutschland nicht." Dass einer wie er, dessen Eltern aus der Türkei kommen, von "unserem" Land spreche, mache die wahnsinnig. Einhellig beklatscht die Runde auch die Idee des SPD-Abgeordneten Johann Saathoff, der einen Antrag der AfD, Deutsch als Landessprache ins Grundgesetz aufzunehmen, auf Plattdeutsch konterte. Satire kann also auch von ansonsten ernsthaften Politikern kommen - und Wirkung zeigen.

Vom Thema Satire bewegt sich die Diskussion dann allerdings ziemlich weit weg, es geht um Strategien gegen die AfD: Muss man ihre Themen auch mal ignorieren? Oder sich immer und überall konsequent dagegen aussprechen? Was ist der richtige Umgang mit den Wählern, die zwar irgendwie rassistisch seien, aber auch andere, berechtigte Sorgen hätten? Özdemir lobt zum Beispiel das Holocaust-Mahnmal, das das Zentrum für Politische Schönheit im Garten von AfD-Politiker Björn Höcke aufgestellt habe. Bei menschenfeindlichen Äußerungen gelte: "Immer auf die Zwölf."

Also Schluss mit lustig? Die Aktionskünstlerin Cesy Leonard weist wie Shapira die Frage nach dem politischen Ziel von Satire zurück - wenn auch mit einer anderen Begründung. Als Satire würde sie ihre Kunst nämlich absolut nicht bezeichnen. "Wir meinen es ernst." Wer einmal eine ihrer Aktionen begleitet hat, der dürfte daran keinen Zweifel haben.

Cem Özdemir macht ein Angebot

Der Moderator versucht es trotzdem. Er erinnert an die Aktion "Kindertransporthilfe des Bundes". 2014 hatten die Aktivisten des Zentrums eine Webseite des Bundesfamilienministeriums fingiert, auf der die damalige Ministerin Manuela Schwesig ankündigte, 55 000 syrische Kinder aus dem Krieg zu retten. Das sei doch ein klassischer Fake gewesen, also Satire, wie sie etwa Jan Böhmermann immer wieder produziere. "Das war eine Adaption der Wirklichkeit", sagt Leonard, ohne eine Miene zu verziehen, "eine Anregung". Denn im Zweiten Weltkrieg habe ja die britische Regierung Ähnliches mit jüdischen Kindern getan." Auch so viel heiliger Ernst kann natürlich Teil der Show sein, so viel Ambivalenz muss der Mensch der Gegenwart schon ertragen.

Am Schluss steht dann ein Angebot von Cem Özdemir: "Serdar Somuncu schreibt mir eine Rede für den Bundestag, die halte ich. Dafür gebt ihr bei der nächsten Wahl einer demokratischen Partei die Stimme." Allerdings, jugendfrei müsste die Rede schon sein. Denn Bundestag bleibt Bundestag.

© SZ.de/segi/mane
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