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De Maizières Soldaten-Kritik:Minister der verlorenen Balance

Thomas de Maizières Soldaten-Kritik

Thomas de Maizières Kritik an der larmoyanten Grundhaltung der Truppe sorgt für Ärger. 

(Foto: dpa)

Larmoyanz als Grundhaltung in der Truppe: Natürlich darf ein Verteidigungsminister derlei kritisieren. Nicht aber in dem Ton, den de Maizière jetzt wählte. Mit seiner Kritik an den jammernden Soldaten hat er die Balance zwischen Nähe und Distanz zur Bundeswehr verloren - und gleichzeitig offenbart, dass er sich selbst vielleicht gerade ein bisschen zu gut findet.

Um ein guter Verteidigungsminister zu sein, sollte man nicht nur eine Fregatte von einem Minensuchboot und eine Division von einer Kompanie unterscheiden können. Man sollte vor allem in der Lage sein, die Balance zwischen Nähe und Distanz zu den Soldaten herzustellen sowie dauerhaft zu halten.

Es hat schon Verteidigungsminister gegeben, die ziemlich überzeugend den Eindruck vermittelten, sich nicht über die Maßen für die Truppe zu interessieren; genauso gab es Amtsinhaber, die ihrer Fürsorgepflicht als oberster Dienstherr mit einer Art kumpelhafter Ranschmeiße nachzukommen versuchten, das Tragen von Camouflage-Kleidung eingeschlossen. Zwischen beiden Polen hatte Thomas de Maizière bislang einen guten Weg gefunden.

Er warb dafür, Soldaten, die mal im Einsatz waren, mehr Anerkennung entgegenzubringen; gleichzeitig blieb er unnachgiebig, wenn aus der Bundeswehr Klagen über die kleinen und größeren Härten der aktuellen Großreform kamen. Nun allerdings erzählte er in einem Zeitungsinterview, etliche Soldaten seien "vielleicht geradezu süchtig" nach Wertschätzung und sollten aufhören, "dauernd nach Anerkennung zu gieren". Damit hat er jene Balance verloren, die ihn ausgezeichnet hatte.

Es ist gar nicht mal die Kritik an sich, die sich verbietet. Wenn ein guter Teil der Truppe die Larmoyanz zur Grundhaltung erklärt und eine Art Außenseiterkomplex kultiviert, kann das sogar gefährlich werden - zumal in einer Armee, die seit dem Wegfall der Wehrpflicht nicht mehr so in die Gesellschaft integriert ist, wie sie es stets war. Wenn ein Minister solche Tendenzen wahrnimmt, sollte er das thematisieren. Aber nicht in diesem Ton.

Provozierter Trotz und Frust

Wer sich so äußert wie jetzt der Verteidigungsminister, erzeugt keine Einsicht, sondern provoziert als Gegenreaktion Trotz und Frust, erst recht in einer Organisation, deren Angehörige viel Zeit haben, sich gegenseitig darin zu bestärken, dass sie gerade ganz schlimm ungerecht behandelt werden - ob das nun stimmt oder nicht.

Dazu kommt, dass de Maizières Argumentation vielleicht abstrakt nachvollziehbar ist, aber praktisch wenig hilft. Die Deutschen, sagt er, stünden zwar dem Militär (und dessen Einsätzen) an sich skeptisch gegenüber, dem einzelnen Soldaten aber aufgeschlossen. Das ist, als wollte man der Metzgerinnung erklären: Na gut, um euch herum sind zwar alle Vegetarier, aber die finden euch trotzdem total in Ordnung.

Was also treibt den Minister? Zufall dürften seine Einlassungen nicht sein, schließlich hat er sich vor Wochen schon mal ähnlich geäußert, ohne dass es viele mitbekommen hätten. Tatsächlich hängt ihm so hartnäckig das Image des Verwaltungsmenschen an, dass man häufig seine Freude daran übersieht, politische Debatten anzustoßen - wobei er auch mal kräftig danebengreift. So wie im vergangenen Jahr, als er sich für bewaffnete Drohnen mit dem Argument aussprach, ethisch sei eine Waffe "stets als neutral" zu betrachten, was er angesichts der Existenz beispielsweise chemischer und biologischer Waffen korrigieren musste. Oder Ende vergangener Woche, als er die halbe Welt mit angeblich geplanten Truppenstärken für die nächste Afghanistan-Mission verwirrte. Die Zahlen waren nicht nur falsch. Es war im Kreis der Nato offenbar nicht einmal abgesprochen, überhaupt Zahlen bekannt zu geben.

Sein Image kommt ihm dabei zugute. Man stelle sich vor, der unter dem Dauerverdacht des politischen Hallodritums stehende Sigmar Gabriel hätte sich in solch kurzem Abstand diese Fehlleistungen erlaubt. Gerade deshalb sollte man es auch jemandem wie de Maizière nicht einfach durchgehen lassen. Wenn einer wie er sich gleich zweimal derartig verrennt, liegt der Verdacht nahe, dass er sich gerade selbst ein bisschen zu gut findet.