DDR-Geschichte:"Er scheint Angst zu haben"

Hat man Sie einfach so gehen lassen?

Es begann eine anderthalb Jahre währende Odyssee. Ich musste mich als 14-Jähriger stundenlang vor Kommissionen rechtfertigen, über mein Leben, über das was ich will. Einmal schrien sie mich an, ob ich denn wüsste, wie viel ich das System schon an Ausbildung gekostet hätte. Ich sagte: "Schreiben Sie mir eine Rechnung, dann werde ich das begleichen". Meine Mutter wurde fast ohnmächtig und blieb aus Angst völlig sprachlos. Die Antwort war dann: Solche Typen wie Sie sehen wir in den Gefängnissen unseres Landes wieder. Diese Angstmacherei zog sich über viele Monate hin. Hinzu kam die Enttäuschung meines Vaters. Das ganze Ausmaß ist mir erst bewusst geworden, als ich selbst einen 14-jährigen Sohn hatte. Anders als Holm war ich kein Opfer, sondern hatte Glück, wurde selbst aktiv und bestimmte stärker über mich, als es ihm vergönnt war.

Sie gehen heute sehr offen mit Ihrer eigenen Biografie um - hätte Holm das auch tun sollen?

Ich hatte Glück und kann unbelastet reden. Holm hätte sofort eine Pressekonferenz geben müssen, wirklich alles auf den Tisch legen: seine Familiengeschichte, was er wirklich gemacht hat. Er hätte sagen können: "Ich war jung und wusste es nicht besser." Die große Mehrheit der Öffentlichkeit hätte das verstanden und den Mut zur Wahrheit honoriert. Eine große Debatte über diese Biografie hätte vermieden werden können. Er scheint Angst zu haben, mit der ganzen Wahrheit Menschen zu enttäuschen. Und er hatte wohl vor dem Hintergrund der Überprüfungspraxis in Ostdeutschland in den letzten 25 Jahren keine Chance für sich gesehen, im gehobenen öffentlichen Dienst eingestellt zu werden.

Was sagt diese Debatte über den Stand der Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit ?

Die Bewertung der DDR-Geschichte wurde überwiegend westlichen Eliten überlassen. Sie nahmen nach der Revolution wichtige Positionen ein: an den Universitäten oder in den Medien. Die personelle Umwälzung fand ich richtig, denn im Osten gab es dafür keine Leute. Doch diese Eliten haben die Aufarbeitung aus meiner Sicht zu einseitig betrieben. Sie brachten ihre Netzwerke mit, in die man mit einer Ostprägung nur schwer rein kam. Auch deswegen hat ein großer Teil der ostdeutschen Gesellschaft den Diskurs und die Aufarbeitung abgelehnt. Sie hatten das Gefühl, ihnen wird da etwas übergestülpt. Die Unterschiede sieht man auch jetzt in der Holm-Debatte: Die härtesten Konsequenzen fordern Leute mit westlicher Prägung. Ostdeutsche versuchen, viel mehr zu differenzieren. Sie versuchen, das ganze Kuddelmuddel, in dem sich Holm befand, zu verstehen, weil es auch Teil ihrer Biografie ist. Ich persönlich kann in gewisser Weise sogar nachvollziehen, dass Holm beim Ausfüllen des Fragebogens für die Humboldt-Universität nicht die Wahrheit angab.

Was gibt es da zu verstehen?

Die Debatte über die DDR wurde in den vergangenen Jahren sehr einseitig geführt. Jede Schuld wurde auf eine politische Institution abgewälzt: die Staatssicherheit und insbesondere die inoffiziellen Mitarbeiter. Hunderttausende Menschen hatten beim Ausfüllen dieser Fragebögen Angst um ihre berufliche Zukunft, weil sie mit der Stasi kooperiert haben. Und es ging nicht immer gerecht zu. Die Überprüfungen der Stasi-Akten wurden in den neunziger Jahren vielfach auch genutzt, um den nötigen Personalabbau betreiben zu können. Da gibt es für künftige Historiker noch viel zu analysieren.

Auf wem hätte der Fokus der Aufarbeitung liegen müssen?

Die Gesamtverantwortung hatten die hauptamtlichen SED-Funktionäre. Doch die sind davongekommen. Es ist grotesk, dass jetzt die Ministerpräsidenten von Brandenburg und Thüringen sagen, in ihrem Bundesland hätte man Holm verhindert. Dort haben ehemalige hochrangige SED-Funktionäre den Transformationsprozess im Hintergrund mit gemanagt, und sie haben dort zum Teil noch heute das Sagen. Wie die Linkspartei bis heute versucht, das MfS als eigentlichen Beelzebub hinzustellen, ist nur ein Zeichen dafür, dass manches schief lief in den letzten Jahren.

Lesetipp: Ilko-Sascha Kowalczuk hat sich in einem Essay intensiv mit dem Fall Andrej Holm und der Aufarbeitung der DDR-Geschichte auseinandergesetzt. Das können Sie hier lesen.

© SZ.de/ghe/mane
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