Egon Krenz als BuchautorDas Ampelmännchen des Politbüros

Lesezeit: 4 Min.

Er habe die „Humanismus-Schule der DDR“ durchlaufen, sagt Egon Krenz (li.): der vorletzte ostdeutsche Staatsratsvorsitzende mit Verleger Holger Friedrich in Berlin.
Er habe die „Humanismus-Schule der DDR“ durchlaufen, sagt Egon Krenz (li.): der vorletzte ostdeutsche Staatsratsvorsitzende mit Verleger Holger Friedrich in Berlin. Soeren Stache/dpa

Wenn Egon Krenz vom Stolz auf die DDR spricht, applaudieren dem früheren Staatsratsvorsitzenden Hunderte. So wie jetzt wieder bei der Präsentation seiner Memoiren über die „Wende“ in Berlin.

Von Jan Heidtmann, Berlin

Am Ende dieses merkwürdigen Abends im Berliner Kino Babylon wird Egon Krenz ein Tisch neben die Bühne gestellt. Signierstunde. Binnen Sekunden nach der sogenannten Ost-Ost-Debatte hatte sich eine Schlange von vielleicht hundert Menschen gebildet, die eine Unterschrift von Krenz wollen. Man kennt und man duzt sich, es wirkt wie ein zu groß geratenes Klassentreffen, Abschluss etwa 1960.

„Bist du der einzige aus unserer Truppe?“, fragt Krenz einen älteren Herrn, einen Ex-Genossen aus der Freien Deutschen Jugend, der Jugendorganisation der DDR. Krenz, 88, nippt an seinem Kaffee, plaudert und signiert, seine Fans warten geduldig. Irgendwann wird es den Organisatoren des Abends vom Eulenspiegel-Verlag etwas zu zäh, sie treiben Krenz zur Eile. „Ach, du meinst, ich soll einfach nur ein Autogramm geben?“, fasst der die freundliche Ansage zusammen.

Egon Krenz, vorletzter Staatsratsvorsitzender der DDR, der 1989 den Begriff von der „Wende“ prägte und später vier Jahre für die Mauertoten einsitzen musste, legt an diesem Montagabend den dritten Band seiner Memoiren vor. „Verlust und Erwartung“ lautet der Titel, es wird voraussichtlich der erfolgreichste der drei Bände werden. Zur Präsentation der ersten beiden Titel kamen rund 200 Zuschauer, an diesem Abend sind es mehr als 700. Der Kinobetreiber musste noch jede Menge Stühle in den Saal stellen.

Dies werde kein „Verhör“ mit Krenz, heißt es zu Beginn

Ein Grund dafür ist sicherlich der Zeitraum, mit dem sich Krenz in diesem Band der Erinnerungen befasst: 1989, Sturz von Erich Honecker, Mauerfall, deutsche Einheit, Zusammenbruch der Sowjetunion. Das Ende der Geschichte. Ein anderer Grund wird das Format dieses Abends sein, Egon Krenz im Gespräch mit Holger Friedrich, dem nicht mehr ganz so neuen Verleger der Berliner Zeitung. Krenz kann dort immer wieder Meinungsbeiträge publizieren, am Wochenende wurden Auszüge seiner Memoiren gedruckt.

Jost Schneider, 70, kennt das Kino Babylon noch aus Kindertagen, erzählt er vor der Veranstaltung bei einem Glas Rotwein. Eine Schulkameradin habe genau darüber gewohnt, er selbst habe hier Märchenfilme geschaut. Später hat er in einem Rechenzentrum im Kraftwerksanlagenbau gearbeitet, ein Dreivierteljahr war er nach der Wende arbeitslos, dann bekam er eine Stelle in der IT der Postbank. 25 Jahre ist er dort geblieben.

Zumindest was die Arbeit angeht, ist das Leben von Jost Schneider nach dem Fall der Mauer also nicht zerbrochen. Er würde sich auch nicht als Fan von Egon Krenz bezeichnen, meint Schneider. Er findet aber schon, dass es „damals einfach zu schnell“ mit der DDR gegangen sei: „Es gab Chancen, die nicht genutzt wurden.“ An diesem Abend interessiere ihn aber vor allem, wie Friedrich mit Krenz umgehen werde.

Vorgestellt wird ein „leidenschaftlicher Sozialist“

Den Ton dafür setzt der Leiter der Eulenspiegel-Verlagsgruppe, Matthias Oehme, in seiner kurzen Einführung. Das Gespräch werde keines der bekannten „Verhöre“ werden, die westlich geprägte Medien normalerweise mit Krenz durchführten. Es sei vielmehr das Zusammentreffen eines „leidenschaftlichen Zeitungsmanns“ mit einem „leidenschaftlichen Sozialisten“. Oehme etabliert damit gleich zu Beginn das Motiv der Gegenöffentlichkeit zum westdeutschen Mainstream. Krenz und Friedrich werden es unter dem Applaus der Zuschauer mehrmals aufnehmen.

Egon Krenz 1996 vor Gericht: Es ging wegen des von der Regierung erlassenen Schießbefehls an der Mauer um Totschlag an DDR-Flüchtlingen.
Egon Krenz 1996 vor Gericht: Es ging wegen des von der Regierung erlassenen Schießbefehls an der Mauer um Totschlag an DDR-Flüchtlingen. Peer Grimm/dpa

Zum Beispiel, wenn Krenz zum Anlass seiner Memoiren sagt, „ich habe mich 1990 entschieden, die DDR, so wie ich sie erlebt habe, nicht den Verleumdern zu überlassen“. In der deutschen Geschichte sei dieser Staat mehr als eine „Fußnote“, eher ein Kapitel, „und nicht das schlechteste“, sagt Krenz. Oder wenn sich Friedrich insgesamt dreimal bei seinem Gegenüber dafür bedankt, dass der Staat in der Wendezeit nicht gewaltsam gegen die Demonstranten vorgegangen ist.

Tatsächlich hält sich Krenz selbst zugute, damals die Sicherheitskräfte der DDR im Zaum gehalten zu haben. Eine Deutung der Geschichte, die auch der 2014 gestorbene Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Frank Schirrmacher, stützte, als er über Krenz schrieb: „Wer die Gewaltlosigkeit und die Ereignisse der Nacht des 9. November würdigt, kann das nicht tun, ohne ihm einen entscheidenden Part zu geben.“

Die DDR scheint in den Herzen mancher Zuschauer sehr lebendig zu sein

Doch im Gespräch gelingt es Friedrich und Krenz, selbst dieses Verdienst fast lächerlich zu machen. „Ich war bei der Armee im August ’89, ich saß auf dem Lkw“, erzählt Friedrich auf der Bühne. Deshalb wolle er sich noch einmal dafür bedanken, dass weder Polizei noch Armee einschreiten mussten. „Das war eine zivilisatorische Großtat“, meint Friedrich, die Krenz wiederum damit begründet, dass er die „Humanismus-Schule der DDR“ durchlaufen habe.

So liefert dieser Abend vor allem zwei Erkenntnisse: dass ein „leidenschaftlicher Zeitungsmann“ noch lange kein guter Interviewer sein muss. Und dass die DDR in den Herzen mancher Zuschauer nach wie vor sehr lebendig zu sein scheint. Auch Jüngere unter ihnen klatschen, als Krenz erzählt, er habe am Tag der Deutschen Einheit weinen müssen, als die DDR-Fahne eingerollt worden sei. „Ich hatte mein Vaterland verloren“, sagt er.

Dabei ist Krenz ein durchaus interessanter Zeitzeuge. In jungen Jahren wollte er einmal Journalist werden, das merkt man seinen Memoiren an. Sie sind über weite Strecken gut und spannend geschrieben. Zum Beispiel, wenn er erzählt, wie es Mitte 1989 in den sozialistischen Bruderländern Polen und Ungarn kräftig knarzt und sich auch in der DDR Unmut breitmacht. Trotzdem fährt das Politbüro den Sommer über weitgehend geschlossen in den Urlaub. Das ist auch deshalb kurios, weil heutzutage ein Spitzenpolitiker schon froh sein kann, wenn er mal ein Wochenende unbehelligt bleibt.

Krenz beschreibt auch, wie sich der Staatsratsvorsitzende Honecker zunehmend weigert, die Realität auf der Straße wahrzunehmen. „Nein, eine Korrektur der Politik, die mit seinem Namen verbunden war, schloss er definitiv aus“, schreibt sein Stellvertreter Krenz und reflektiert dabei auch seine eigene Rolle: „Ich muss heute mit der Bürde leben, dass ich damals durchaus einen kritischen Blick auf diese Entwicklung hatte, aber eine grundsätzliche inhaltliche Auseinandersetzung mit Honecker scheute. Ich hielt dafür die Zeit noch nicht für reif.“

Friedensnobelpreis für die Ostdeutschen?

Ende Oktober 1989 tritt Honecker schließlich zurück, Egon Krenz wird Staatsratsvorsitzender. Seine Ägide dauert gerade einmal fünfzig Tage, bis er wieder alle Ämter verliert. Krenz wird aus der Partei ausgeschlossen, Jahre später muss er nach einer Verurteilung in den „Mauerschützenprozessen“ ins Gefängnis.

Das alles ist interessant, spielt aber an diesem Abend kaum eine Rolle. Stattdessen fordert Holger Friedrich noch, den Ostdeutschen für ihre Bedachtsamkeit 1989 den Friedensnobelpreis zu verleihen. Krenz will, dass sich die westdeutschen Eliten endlich einmal bei den Landsleuten im Osten entschuldigen. Es gibt Applaus. Egon Krenz ist hier so etwas wie das Ampelmännchen des Politbüros, ein allseits beliebtes Überbleibsel der DDR.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

DDR-Geschichte
:Das deutsche Paradies, Teil eins

Egon Krenz präsentiert den SED-Staat im ersten Band seiner Biografie als bessere Alternative zur damaligen BRD. Das klappt aber nur mit eimerweise Schönfärberei und frecher Geschichtsklitterung.

Von Norbert F. Pötzl

Lesen Sie mehr zum Thema

  • Medizin, Gesundheit & Soziales
  • Tech. Entwicklung & Konstruktion
  • Consulting & Beratung
  • Marketing, PR & Werbung
  • Fahrzeugbau & Zulieferer
  • IT/TK Softwareentwicklung
  • Tech. Management & Projektplanung
  • Vertrieb, Verkauf & Handel
  • Forschung & Entwicklung
Jetzt entdecken

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: