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DDR und Bundesrepublik:Zweimal Deutschland, eine Geschichte

Feier der Wiedervereinigung in Berlin

Ende der Teilung, Beginn der Einheit - aber mit unterschiedlichen Voraussetzungen und Blickwinkeln: In der Nacht zum 3. Oktober 1990 werden in Berlin Fahnen geschwenkt, große BRD-Flaggen und kleine DDR-Flaggen. Die Gesichter einiger Menschen sind nicht gerade von purer (Vor-)Freude erfüllt.

(Foto: Regina Schmeken/SZ Photo)

Petra Weber hat eine Gesamtdarstellung für die Jahre 1945-1989/1990 vorgelegt, die sowohl West-, als auch Ostdeutschland in den Blick nimmt - ein fulminantes Großwerk.

Was dieses voluminöse Buch beabsichtigt, ist prägnant am Schluss der Einleitung formuliert: Die Autorin will keine neue "Meistererzählung" der jüngsten deutschen Geschichte präsentieren. Es soll vielmehr "Licht auf die Komplexität, die Ambivalenzen und Widersprüche der deutsch-deutschen Vergangenheit geworfen und ein 'siegeswestdeutscher' Blickwinkel vermieden werden", ohne die Gegensätze zwischen Demokratie und Diktatur gering zu schätzen.

Das ist ein ambitioniertes und mit vielen Tücken versehenes Programm. Es ist, so viel vorab, imponierend eingelöst worden. Endlich hat es jemand erfolgreich versucht: die von nahezu von allen auf diesem Feld arbeitenden Zeithistorikern geforderte integrierte deutsche Nachkriegsgeschichte zu schreiben.

Petra Weber vom Institut für Zeitgeschichte München - Berlin hat sich dabei durch den riesigen Berg von Quellen und Fachliteratur hindurchgearbeitet und sich bemüht, alle relevanten Teilbereiche dieser Geschichte einzubeziehen. Das geschieht mit präziser Recherche, ohne schlagzeilenträchtige steile Thesen, aber reflektiert und in einer durchweg menschenfreundlichen Prosa. Ob der Titel stimmt und wie viel Einheit in der Teilung steckte oder überlebte, darüber lässt sich trotzdem streiten.

Dabei bleibt es ein konzeptionelles Problem, dass grundsätzlich die Gewichte und Interessen unterschiedlich verteilt waren. "Der Westen" bildete stets eine fixe Größe in der DDR - von der "Republikflucht" über die politische Polemik im Neuen Deutschland bis zum legendären "Westpaket" in der Familie. Die DDR war also trotz Mauer, Schießbefehl und allen anderen Abgrenzungen immer eng mit der Geschichte der BRD verbunden.

Umgekehrt galt das dagegen kaum. Zudem wechselten die Intensität der Wahrnehmung und der Reaktionen auf die Entwicklungen der jeweils anderen Seite. Was anfangs noch durch ein quasi selbstverständliches National- und Zusammengehörigkeitsgefühl verklammert wurde, rückte unter den Bedingungen der veränderten Weltlage zunehmend auseinander, und der Eigenentwicklung kam größeres Gewicht zu. Das ist daher für jede integrierte Geschichte ein Dilemma. Es wird zumindest am Rande von der Autorin auch immer wieder thematisiert.

Es dominiert eine Perspektive "von oben". Aber wie will man sonst die Vielfalt bändigen?

Die Grobgliederung besteht aus fünf chronologisch ausgerichteten Teilen unterschiedlichen Umfangs, wobei - wie leicht nachzuvollziehen ist - Neuanfang (1945 bis 1947/48) und Ende ("Unverhoffte Einheit") mit je knapp weniger als 100 Seiten am kürzesten ausfallen. In der Gesamtkonzeption des Buches besteht die Schwierigkeit, für die Teile und die Kapitel übergreifende Charakterisierungen zu finden, die ohne künstliche Formulierungen den vergleichenden Ansatz der Darstellung verdeutlichen können.

Das gilt vor allem für den vorletzten Teil, in dem die 80er-Jahre mit einem etwas beliebig wirkenden Strauß von Begriffen als "Eiszeit und Tauwetter, Kontinuitäten und Alternativen, Blockaden und Niedergang" gekennzeichnet werden. Gleichwohl - es sind übergeordnete Leitlinien, um nach Parallelen, Differenzen, Verflechtungen, Abgrenzungen und wechselseitigen Wahrnehmungen in zwei gänzlich unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Systemen zu fragen.

Die Chronologie strukturiert die Darstellung, wird aber nicht stur befolgt. Thematische und systematische Rückgriffe stehen immer mal wieder quer dazu, etwa wenn nach der Entstehung der beiden Staaten und ihrer Integration in den Kalten Krieg eine Erörterung des Grundgesetzes und der Wesensmerkmale von Demokratie und Diktatur in historischer Perspektive erfolgt. Das angekündigte Programm, keine einseitige Perspektive zu bieten, wird gekonnt eingelöst, ohne handbuchartige Langeweile.

Es gibt viele bissige Passagen - etwa zum immer noch hoch kontroversen Thema 1968 -, in denen man die (politische) Position der Autorin sehr wohl erkennt, aber ohne penetrant dem Leser oder der Leserin eine Meinung zu suggerieren. Das ist gerade in der Zeitgeschichte eine hohe Kunst, zumal es an großen und kleinen Übersichtswerken zur Nachkriegsgeschichte nicht mangelt.

Natürlich lassen sich wie immer Einwände gegen Inhalte und Gewichtungen oder auch den enormen Umfang denken. So kommen etwa die wilden Jahre der ersten Phasen (im Duktus von Harald Jähners "Wolfszeit", Rowohlt 2019) etwas kurz. Für zentrale Themen der DDR-Geschichte wie den Aufstand vom 17. Juni 1953 oder das wirtschaftliche Reformprogramm NÖSPL gilt Ähnliches. Gravierender mag erscheinen, dass europäische und globale Konturen des Themas nur ganz am Rande auftauchen.

Generell dominiert eine Perspektive "von oben". Aber wie will man sonst die Vielfalt bändigen? Das "Fußvolk" mit seinen Wahrnehmungen sowie verdeckten oder offenen Optionen in beiden Staaten fehlt keineswegs. Für die DDR macht die Autorin nachdrücklich deutlich, dass die Vorstellung vom Oktopus, dessen Tentakel in die letzten Winkel reichten, nur den Herrschaftsanspruch der SED-Diktatur wiedergibt, nicht die viel komplexere Realität.

Politisch erhellend ist der generelle Hinweis, dass 1972 in Westdeutschland nach einer Infratest-Umfrage 30 Prozent der Befragten demokratischen Sozialismus und DDR-Sozialismus nicht unterscheiden konnten. Wohl zu Recht interpretiert Weber das als symptomatisch-fatales Indiz für die "Gefährlichkeit" des Begriffs seit den 50er-Jahren.

Als die Union 1976 ihren Wahlkampfslogan "Freiheit statt Sozialismus" kreierte, hoffte Willy Brandt, er würde zum "Rohrkrepierer" werden. Das wäre wohl in allen anderen westeuropäischen Staaten passiert, aber eben nicht in Bonn.

Die Formen innerdeutscher Beziehungen waren verrückt, verquer, mal hart, mal weich

Die verqueren, verrückten, harten und weichen Formen der innerdeutschen Beziehungen tauchen in allen Varianten auf. Neben den scharfen Gegensätzen im politischen System, in den Institutionen und Realitäten des politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lebens sind sie besonders in der pointiert und treffend dargestellten kulturell-literarischen Szene greifbar.

Einige Passagen werden eingestreut, die man in einer Gesamtdarstellung eher nicht vermutet, die aber gerade deshalb informativ und wohl auch für Innerdeutsches charakteristisch sind. Dazu gehören Historikerdebatten, die lange vor dem berühmten Historikerstreit von 1986 markante Einblicke in politische Positionen und Konflikte bieten. So bezeichnete Gerhard Ritter 1949 auf dem ersten Historikertag in München den renommierten Marxisten und Historiker Walter Markov als roten Terroristen.

Alexander Abusch und Friedrich Meinecke analysierten 1946/47 ebenso konträr wie ähnlich die Ursachen des Nationalsozialismus, die Fischer-Kontroverse sorgte in den frühen Sechzigern für enorme Aufregung im Westen, auch weil sie eng mit DDR-Positionen verbunden schien, und Bundespräsident Heinemann löste mit seiner demonstrativen Aufwertung demokratischer Traditionen langfristig wichtige Impulse für die politische Kultur aus.

Petra Weber: Getrennt und doch vereint. Deutsch-deutsche Geschichte 1945 - 1989/90. Metropol-Verlag, Berlin 2020. 1292 Seiten, 49 Euro. E-Book: 35 Euro.

Im zu Recht relativ knappen letzten Abschnitt geht es um den schwierigen Weg zur deutschen Einheit. Für dieses viel beackerte Teilthema werden die divergierenden Positionen der handelnden Politiker und (weniger) des Volks auf den Straßen, soweit das überhaupt möglich ist, fair, präzise und differenziert dargestellt. Dazu gehört auch die bis heute emotional diskutierte Frage der Bündniszugehörigkeit des vereinen Deutschland und der Osterweiterung der Nato.

Die Rolle des "Einheitskanzlers" kommt angemessen zum Tragen, ohne dass aber die in der März-Wahl 1990 wahrhaft abgestraften eigentlichen Initiatoren der friedlichen Revolution zu kurz kommen. Das Buch endet daher auch nicht mit triumphalen Hinweisen auf die Sieger aus dem Westen, sondern verweist unter "Gewinne und Verluste" auf komplexe Mentalitätsprobleme, die bis in die Gegenwart reichen und deren Lösung langen Atem erfordert.

Es gibt kein handliches Fazit, die Leistung liegt in der Synthese und Präsentation des Stoffs

Ein Einwand bleibt, dass auch in einer umfassenden Gesamtdarstellung nicht jedes Feld mit einem integrierten Zugang bearbeitet werden kann. Die beiden Teile Deutschlands lassen sich nicht immer unter einem gemeinsamen Label nebeneinander abhandeln, und wenn man es versucht, wirkt das bisweilen künstlich. Dieser Gefahr ist Petra Weber nicht immer entgangen. Es gibt kein handliches Fazit, und es kann wohl auch keines geben.

Aber einige bilanzierende Retrospektiven auf die Intensität und die wechselnden Phasen der meist konträren Verflechtung wären möglich. Damit würde vielleicht auch der zumindest unterschwellig vom Titel des Buches verstärkte Eindruck verschwinden, die (nationale) Einheit, an die nur die wenigsten noch zu glauben vermochten, sei allen Verwerfungen zum Trotz doch der geheime Subtext der Gesamtentwicklung.

Die fulminante Leistung dieses opus magnum liegt in der gelungenen Synthese und Präsentation eines kaum noch überschaubaren und viel diskutierten Materials. Detailforschungen, einschließlich noch nicht überholter älterer Werke, werden in einem Umfang einbezogen und präsentiert, der seinesgleichen sucht.

Das Quellen- und Literaturverzeichnis (darunter eine stattliche Anzahl von Archivalien) umfasst allein 125 Seiten. Beckmesserei verbietet sich daher. Ein wirkliches Defizit vor allem wegen des enormen Umfangs ist jedoch das Fehlen eines zumindest groben Sachregisters, um unabhängig von Personen wichtige Sachverhalte wiederzufinden, die nicht ohne Weiteres den Überschriften zuzuordnen oder über den Personenindex zu erschließen sind.

Christoph Kleßmann war Professor für Zeitgeschichte an den Universitäten Bielefeld und Potsdam und Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung. Mit seinen Grundlagenwerken zur deutschen Nachkriegsgeschichte "Die doppelte Staatsgründung" und "Zwei Staaten, eine Nation" hat er das Konzept von "Verflechtung und Abgrenzung" entwickelt.

© SZ vom 25.05.2020/odg
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