Datenreport Wie geht es den Migranten in Deutschland?

Ob es diesem jungen Mädchen wohl auch einmal gut geht, in Deutschland oder anderswo? Noch spielt es auf den Gleisen nahe eines Flüchtlingslagers bei Idomeni, Griechenland.

(Foto: AFP)

Statistiken über die Migranten von gestern sollen zeigen, was Deutschland besser machen kann bei den Flüchtlingen von heute.

Text: Markus Mayr / Grafiken: Markus C. Schulte von Drach

Migranten sind in Deutschland stärker von Armut bedroht als Menschen ohne Migrationshintergrund. Das gilt besonders für Menschen türkischer Herkunft. Einwanderer haben generell mit schlechteren Schulabschlüssen, schlechterer Berufsausbildung und weniger Einkommen zu kämpfen. Zugleich sind sie jedoch relativ zufrieden. Gerade ihre Nachfahren sehen die eigene Zukunft ausgesprochen positiv.

Das geht aus dem "Datenreport 2016" hervor, den das Statistische Bundesamt gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und dem Sozio-Oekonomischen Panel (SOEP) am Dienstag veröffentlicht hat. Der Bericht bildet unter anderem die Lebenssituation von Zuwanderern in den Jahren 2013 und 2014 ab, auf der Grundlage des Mikrozensus und jährlicher Umfragen des SOEP.

Die Fehler aus der Vergangenheit nicht wiederholen

In den vergangenen Monaten und Jahren beschäftigten die Deutschen vor allem die Fragen, wie viele Migranten nach Deutschland kommen, warum sie kommen - und ob ein weiterer Zuzug begrenzt werden sollte.

Wenn es um Integration geht, sind jedoch gerade die Erfahrungen wichtig, die die Gesellschaft mit Migranten in der Vergangenheit gemacht hat - und umgekehrt. Der Datenreport zeigt, dass es der deutschen Gesellschaft bisher nicht gelungen ist, die Mauern um Migranten vollständig abzubauen. Deren statistisches Porträt unterscheidet sich deutlich von jenem der Menschen ohne Migrationshintergrund. Besonders wichtig für eine gelungene Integration - auch das zeigen die Zahlen - ist die Ausbildung der Zuwanderer.

Für die aktuelle Situation Geflüchteter müsse nun gelernt werden, "was wir anders und richtiger machen können", sagt Jutta Allmendinger, Präsidentin des WZB, bei der Vorstellung der Studie. Anhand ausgewählter Aspekte lassen sich die bestehenden Unterschiede nachvollziehen.

2013 hatten 62 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund die deutsche Staatsbürgerschaft. Nur knapp zwei Drittel der Migranten genossen also die vollen Teilhaberechte am politischen Leben in Deutschland. Wegen der Flüchtlingszahlen der vergangenen Monate dürfte dieser Wert aktuell weitaus niedriger liegen. Vor wenigen Jahren hat der verhältnismäßig hohe Anteil der sogenannten Spätaussiedler die Pass-Quote unter den Einwandern hoch gehalten. Als Menschen mit Wurzeln in Deutschland - zum Beispiel Russlanddeutsche - bekamen fast alle (97 Prozent) der Aussiedler nach ihrem Umzug auch die deutsche Nationalität. Die Migranten und Flüchtlinge der vergangenen Monate kamen vor allem aus dem Nahen Osten und Afrika und erfahren diese bevorzugte Behandlung nicht.

Obwohl Migranten im Mittel rund 230 Euro weniger verdienen als Einheimische, müssen sie dem Bericht zufolge mehr Mietkosten tragen. Gleichzeitig hat die einzelne Person im Haushalt weniger Platz. "Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt" spiele eine Rolle, heißt es in dem Bericht. Ein Großteil der Zuwandererfamilien lebe aber auch in großen Städten, wo der Zugang zu günstigem Wohnraum erschwert sei.

Nachfahren der Einwanderer verdienen tendenziell mehr Geld als ihre Eltern. Migranten mit deutscher Staatsbürgerschaft verdienen im Schnitt wenige Euro mehr als Menschen ohne deutschen Pass.

Das geringere Einkommen von Migranten und das damit verbundene höhere Armutsrisiko lässt sich dem Bericht zufolge auf die tendenziell niedrigeren Schulabschlüsse zurückführen. So hatten 2014 etwa 70 Prozent aller Einheimischen einen mittleren oder einen hohen Schulabschluss, Einwanderer und ihre Nachkommen erreichen dieses Bildungsniveau nur zu 56 Prozent. Migranten mit deutschem Pass haben im Schnitt bessere Schulbildung genossen als Migranten ohne die deutsche Staatsbürgerschaft. In beiden Gruppen sind die Chancen für Kinder größer als die ihrer Eltern, einen mittleren oder einen hohen Schulabschluss zu erreichen.

Ähnlich verhält es sich auch beim beruflichen Bildungsniveau. 64 Prozent aller Einheimischen hatten 2013 eine abgeschlossene Ausbildung in ihrem Lebenslauf zu verzeichnen. Das gleiche konnten laut Bericht nur 43 Prozent der Zuwanderer von sich behaupten. Bei der Hochschulbildung sind die Unterscheide dagegen geringer: 22 Prozent der Menschen ohne Migrationshintergrund haben einen akademischen Abschluss, 20 Prozent der Migranten ebenso. Besonders viele Einwanderer türkischer und osteuropäischer Herkunft haben erfolgreich eine Hochschule besucht (50 bzw. 32 Prozent).

Ein Indiz dafür, ob vormals Fremde in ihrer neuen Heimat tatsächlich heimisch geworden sind, ist das Gefühl der Zugezogenen. Generell waren Migranten 2013 etwas unzufriedener (Wert: 7,3) mit ihrer Situation als Einheimische (Wert: 7,5). Acht Prozent aller Migranten hatten das Gefühl, in ihren Chancen benachteiligt zu sein. Ein knappes Fünftel (18 Prozent) machte sich Sorgen, weil sich Menschen ihnen gegenüber feindselig verhalten. Vier Fünftel wünschten aber, in Deutschland zu bleiben.

Am wenigsten wohl unter den Migranten in Deutschland fühlen sich die Menschen türkischer Herkunft. Von ihnen wollen nur zwei Drittel bleiben. 29 Prozent sorgen sich wegen Feindseligkeiten und knapp ein Fünftel (18 Prozent) fühlt sich benachteiligt. Diese Menschen gaben im Mittel auch den geringsten Zufriedenheitswert an (6,8).

Auffallend ist, dass gerade jüngere Menschen mit Migrationshintergrund (17- bis 45-Jährige) ausgesprochen zufrieden in die Zukunft blicken (Wert: 8,3). Damit stehen sie auf der Rangliste sogar noch vor ihren Altersgenossen, deren Eltern nicht eingewandert sind.

Diese positiven Entwicklungen in der zweiten Einwanderergeneration lassen vorsichtig darauf schließen, dass sich Deutschland so langsam an seine Zugezogenen gewöhnt und umgekehrt.

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