Datenanalyse zur Wählerwanderung Woher die AfD-Wähler kommen

Wählerwanderung: Die AfD hat über eine Million Nichtwähler gewonnen.

(Foto: SZ)

Die Liberalen gelten als der natürliche Koalitionspartner von CDU/CSU. Doch sie sind es, die zusammen mit der AfD der Union ihre massiven Verluste beschert haben. Die Wählerwanderungen in Grafiken.

Von Moritz Zajonz (Grafiken) und Deniz Aykanat

Die deutsche Parteienlandschaft hat seit ein paar Jahren eine neue Partei in ihren Reihen, nun ist sie mit einem zweistelligen Ergebnis auch in den Bundestag eingezogen. Die SPD hat ihr historisch schlechtestes Ergebnis eingefahren, die FDP ist nach vier Jahren außerparlamentarischer Opposition wieder zurück im Bundestag. Wie sind diese Ergebnisse zustande gekommen? Wer konnte Nichtwähler mobilisieren? Wer jagte wem die Stimmen ab?

Die Wahlbeteiligung gibt einen ersten Hinweis darauf, wie diese Fragen beantwortet werden könnten. Denn in diesem Jahr sind mehr Menschen zur Wahl gegangen als bei der vergangenen Bundestagswahl. 2013 beteiligten sich 71,5 Prozent der wahlberechtigten Deutschen an der Wahl. Dieses Jahr waren es 76,2 Prozent. Davon profitierten alle Parteien, besonders aber die AfD. Die rechtsradikale Partei konnte vor allem Nichtwähler mobilisieren. Sie machen mit 1,2 Millionen Stimmen den größten Anteil ihrer Wählerschaft aus.

Die Union ist wieder stärkste Kraft geworden, hat aber zugleich massive Stimmenverluste erlitten. Das haben die Konservativen zwar zu einem großen Teil der AfD zu verdanken. Doch vor allem der Wiedereinzug der FDP - eigentlich der natürliche Koalitionspartner der Union - bescherte dieser einen drastischen Stimmenrückgang: Mehr als 1,3 Millionen ehemalige Unionswähler machten ihr Kreuz nun bei der FDP.

Die zweitmeisten Stimmen verliert die Union an die AfD: mindestens eine Million. Auch viele Linken- und SPD-Wähler wanderten zur AfD ab. 470 000 Wähler verlor allein die SPD an die AfD, die Linke 400 000. Den größten Zuwachs bekam die AfD - nach den Nichtwählern und den abgeworbenen Unionswählern - von Kleinst-Parteien. In den Hochrechnungen werden sie als "Andere" zusammengefasst. Darunter sind zum Beispiel Mini-Parteien wie die "Die Partei", die "Partei der Humanisten" oder die "Partei der Gesundheitsforschung". 690 000 dieser "anderen" Wähler scheinen in der AfD eine neue Heimat gefunden zu haben.

Bei früheren SPD-Wählern konnte die FDP 450 000 Stimmen abwerben, noch mehr aber bei den Nichtwählern (700 000). Auch bei den Mini-Parteien (140 000 Stimmen) und den Grünen (110 000) gab es einiges zu holen für die Liberalen.

Die SPD hat ihr schlechtes Ergebnis den kleinen Parteien zu verdanken. An Linke, Grüne und FDP verlieren die Sozialdemokraten jeweils etwa 400 000 Wähler, an die AfD 470 000.

Die Grünen litten am wenigsten unter dem Akteur AfD. Sie verloren lediglich 40 000 ihrer Wähler an die AfD, dafür gewannen sie 30 000 Unionswähler hinzu. Großen Zuwachs gab es durch die SPD: 380 000 Wähler wanderten von den Sozialdemokraten zu den Grünen ab. Die größten Verluste machten die Grünen durch die anderen Klein-Parteien FDP und Linke.

Die Linke konnte im Vergleich zu 2013 minimal zulegen. Sie verlor viele Wähler an die AfD (400 000), konnte den Verlust allerdings durch Stimmengewinne bei Union (90 000) und vor allem SPD (430 000) wieder wettmachen.

Die Aussagekraft von Wählerstromanalysen ist umstritten. Dies gilt besonders für die Analyse der Ströme zwischen den Parteien, also für die genaue Zahl der Wähler, die beispielsweise von der SPD zur CDU gewandert sind und andersherum. Aus diesem Grund haben wir uns auf die Visualisierung der Salden beschränkt. Hierfür werden Zustrom und Abstrom miteinander verrechnet. Diese Differenz ist weniger unsicher.

Die Grafiken sollen vor allem zur groben Orientierung dienen. Genau wie Umfrageergebnisse sollten die Zahlen nicht als absolute Wahrheit betrachtet werden.