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Datenanalyse zur Landtagswahl:Wo die CDU-Wähler hin sind

Landtagswahl Niedersachsen

Wahlplakate des Spitzenkandidaten der CDU, Bernd Althusmann, werden nach der Wahl in Hannover abtransportiert.

(Foto: dpa)
  • Die Volksparteien haben bei der Landtagswahl in Niedersachsen davon profitiert, dass viele Nichtwähler mobilisiert wurden.
  • Daten zur Wählerwanderung zeigen außerdem: Die SPD gewann ehemalige CDU- und Grünen-Wähler.
  • Die CDU verlor vor allem an SPD und AfD.

Von Hanna Eiden (Grafiken) und Jana Anzlinger (Text)

Die SPD hat die Mehrheit der Stimmen erhalten, die AfD zieht in den Landtag ein, die Grünen stürzen ab: Selbst, wenn Niedersachsen weiter Rot-Grün regiert würde, sähe der Landtag doch ganz anders aus als bisher. Wie sehr sich die politische Lage in dem Flächenland seit 2013 geändert hat, zeigt die Wählerwanderung.

Für diese Analyse werden Stimmenzustrom und Stimmenabstrom zweier Parteien jeweils miteinander verrechnet. Die Differenz daraus gibt Aufschluss darüber, wie sich die Stimmung der Wähler geändert hat.

Woher kommen die neuen SPD-Wähler?

Bei der Landtagswahl im Jahr 2013 hatten weniger als 60 Prozent der Niedersachsen gewählt. 2017 ist die Wahlbeteiligung auf mehr als 63 Prozent gestiegen. Davon hat vor allem die SPD profitiert: Sie konnte 167 000 Menschen mobilisieren, die bei der vergangenen Landtagswahl keine Stimme abgegeben hatten.

Auffällig ist die Wanderung von der einen Volkspartei zur anderen: Etwa 58 000 von denen, die 2013 für die CDU mit Spitzenkandidat David McAllister gestimmt hatten, haben sich dieses Mal gegen CDU-Kandidat Bernd Althusmann entschieden und stattdessen für die SPD gestimmt.

Mehr als 90 000 Wähler hat die SPD unter Ministerpräsident Stephan Weil von den Grünen abgeworben. Thematisch haben die beiden viel gemeinsam. Die Grünen haben im Wahlkampf auch für die Fortsetzung einer rot-grünen Regierung geworben. Eine ehemalige Grünen-Politikerin hatte die vorgezogene Wahl überhaupt erst verursacht: die Landtagsabgeordnete Elke Twesten, die von den Grünen zur CDU gewechselt war.

Für das Abschneiden der Grünen spielt das Geschlecht eine große Rolle: Elf Prozent der Frauen, aber nur sieben Prozent der Männer haben sie gewählt. Bei den anderen Parteien sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern weniger deutlich - außer bei der AfD, die von acht Prozent der Männer, aber nur vier Prozent der Frauen gewählt wurde.

Von der SPD zur Linken abgewandert sind etwa 10 000 Wähler. In den Landtag geschafft hat die Linke es trotzdem nicht.

Sie konnte nicht einmal mit ihren Kernthemen punkten: Nur sechs Prozent der Arbeiter und acht Prozent der Arbeitslosen haben links gewählt. Die meisten Arbeiter wählten SPD (41 Prozent), CDU (26 Prozent) oder AfD (elf Prozent). Auch unter den Arbeitslosen gewinnt zwar die SPD mit deutlichem Abstand zur CDU (34 zu 25 Prozent), aber auf Platz drei landet mit 19 Prozent die AfD.

15 000 ehemalige SPD-Wähler haben dieses Mal für die AfD gestimmt. Unter AfD-Wählern waren Ärger über Zuwanderung, Sicherheitspolitik und gesellschaftliche Ungerechtigkeit wahlentscheidend, wie eine erste Nachwahl-Befragung von Infratest dimap zeigt.

Parteiübergreifend machte demnach die Mehrheit der Niedersachsen ihre Wahlentscheidung abhängig von den Themen Bildung, Gerechtigkeit, innere Sicherheit und Aufklärung des VW-Dieselskandals. Anfang August wurde bekannt, dass SPD-Ministerpräsident Weil eine Regierungserklärung zum Gegenlesen an VW weitergereicht hatte - von diesem Imageschaden scheint er sich gut erholt zu haben. Immerhin stellte sich danach heraus, dass auch der vorherige Ministerpräsident David McAllister seine Kommunikation mit VW abgestimmt hatte.

Wo sind die CDU-Wähler hin?

Behalten hat die CDU vor allem die älteren Wähler: 43 Prozent der über 70-Jährigen haben für sie gestimmt. Die anderen sind in Scharen zur SPD übergelaufen, die nur bei den 18- bis 44-Jährigen weniger beliebt ist. Aber die 58 000 CDU-zu-SPD-Wechsler sind nicht die einzige Erklärung für den Verlust der CDU.

So haben Ex-CDU-Wähler die AfD in den Landtag gehievt: 44 000 ehemalige CDU-Wähler haben dieses Mal für die AfD gestimmt. Bernd Althusmann hat offenbar vergeblich mit einer härteren Linie gegen islamistische Gefährder und Kriminelle im Allgemeinen geworben. Weil sagte im TV-Duell noch zu ihm: "Machen Sie nicht den Fehler, Niedersachsen für unsicher zu erklären, damit stärken Sie nur die AfD." Am beliebtesten ist die AfD in der Altersgruppe zwischen 25 und 44 Jahren.

Profitiert hat Bernd Althusmann, genau wie Stephan Weil, von den mobilisierten Nichtwählern. 88 000 von ihnen haben für die CDU gestimmt. Bei der Bundestagswahl waren die Nichtwähler die einzige Gruppe gewesen, die der Union viele neue Stimmen verschaffte.

Außerdem haben sich insgesamt mehr als 50 000 ehemalige FDP- und Grünen-Wähler von Bernd Althusmann überzeugen lassen. Die waren vor allem unter jungen Wählern beliebt, genau wie bei der Bundestagswahl: 14 Prozent der Erst- bis Drittwähler stimmten für die Grünen, zehn Prozent für die FDP - und je älter die Wählergruppe, desto unbeliebter werden beide.

© SZ.de/olkl

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