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Das Wahlparadoxon:Das Leid der Massendemokratien

Das kann man für reichlich konstruiert halten und es fällt leicht, die Annahme des Homo oeconomicus grundsätzlich abzulehnen: Sind in den meisten Fällen unreflektierte Bauchentscheidungen doch viel realistischer. Ein spontaner Impuls - zum Beispiel ein Plausch mit dem Nachbarn über Politik - kann den Bürger zum Urnengang bewegen, bei der Wahlentscheidung spielt oft die Sympathie für den Kandidaten eine größere Rolle als politische Inhalte. Somit wäre die Paradoxie des Wählens nur deshalb eine Paradoxie, weil sie aus einem vollkommen unrealistischen Gedankenspiel resultiert. Die Wirklichkeit zeigt dagegen, dass es Demokratien auf der ganzen Welt gelingt, ihre Bürger zum Mitmachen zu ermuntern.

Dennoch ergibt es Sinn, ökonomische Modelle des Handelns nicht reflexhaft mit den Worten abzuschmettern, der Mensch sei doch mehr als ein Kosten-Nutzen-Roboter. Natürlich ist er das. Doch ist die Menge von 60 Millionen Wahlberechtigten in Deutschland so hoch, dass sich der ein oder andere sicher schon einmal die Frage nach dem Wert der eigenen Stimme gestellt hat.

Die alten Griechen, die sich in ihrer Polis unter der Dorflinde versammelten, die Sklaven und Frauen aus der Bürgerschaft ausschlossen, haben sich diese Frage vielleicht noch nicht gestellt. War das Gemeinwesen doch übersichtlich und Partizipation unmittelbar erlebbar. In den Massendemokratien der Neuzeit scheint es dagegen so offensichtlich, als Einzelner eh nichts verändern zu können. Diese Wahrnehmung könnte ein Grund für Politikverdrossenheit sein.

Mehr als nur die Abgabe einer Stimme

Was kann man dem nun entgegenhalten? Wie lässt sich die Ehre des Wählers verteidigen? Christian Schwaabe ist Privatdozent für Politische Ideengeschichte am Geschwister-Scholl Institut. Er glaubt, man dürfe die Rolle des Bürgers nicht auf den reinen Wahlakt beschränken: "Die Wahl ist nur ein winziger, aber fast allein sichtbarer Ausdruck eines Bürgerseins, das aus sehr viel mehr besteht. Nämlich aus der täglichen Kommunikation über Wahlen, Personen und Entwicklungen in der Gesellschaft. Sie findet aber unter anderem deshalb erst statt, weil sie bezogen bleibt auf die Möglichkeit demokratischer Wahl."

Das heißt: Gerade weil wir wählen dürfen, beschäftigen wir uns mit Politik, tauschen uns aus und entwickeln uns dadurch als politische Wesen weiter. Entscheidend ist also nicht der Akt des Wählens selbst, sondern vielmehr die Tatsache, dass wir auf diese Weise dazu motiviert werden, uns über unser Gemeinwesen Gedanken zu machen. Ohne Beteiligung wäre das völlig unnötig. Kurz: Weil wir wählen, kommunizieren wir.

An der Wahlurne selbst konkretisiert sich die gesamtgesellschaftliche Kommunikation, die zuvor auf unzähligen Kanälen stattfand - am Arbeitsplatz, beim Abendessen in der Familie, in Talkshows oder im Plenum des Bundestags. Sie wird sichtbar in Prozentpunkten, in Koalitionen, in konkreten politischen Maßnahmen.

Integration durch Wahlen

Die Wahl entfaltet dabei eine starke integrative Kraft, sie macht ein Wahlvolk erkennbar, das bis dato nur aus vielen abstrakten Beziehungen bestand. Vergleichen kann man das zum Beispiel mit einem Fußballspiel: Das Brüllen und Klatschen eines Einzelnen ist rational betrachtet für den Ausgang des Spiels nicht maßgeblich - in der Masse aber womöglich schon. Das Bewusstsein darüber, gemeinsam Einfluss ausüben zu können, führt dazu, dass Zehntausende Menschen, die sich untereinander gänzlich fremd sind, ihre Verbundenheit erkennen.

Wählen lohnt sich also - und das obwohl die einzelne Stimme des Wählers wahrscheinlich keinerlei Einfluss darauf haben wird, ob sich die Politik in seinem Sinne verändert. Es lohnt sich, weil der Akt des Wählens ein Wert für sich ist: Weil Demokratie so spürbar wird, weil es einen Anlass bietet, sich über politische Werte und Ziele auszutauschen.

Die Wirkung eines einzelnen Stimmzettels mag verschwindend gering sein, ein gutes Argument kann sich dagegen wie ein Lauffeuer ausbreiten.

Um auf den Brexit zurückzukommen: Die Ursachen müssen wahrscheinlich weniger im Wahlakt selbst, als in der Kommunikation vorab gesucht werden. Diese war geleitet von Misstrauen, teils von Lügen, selten durch eine konstruktive Debatte über europäische Werte - sie entwickelte ihre ganz eigene Paradoxie.

© Süddeutsche.de/ghe/liv/mane

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