Das Virus und die Welt:Von gelassen bis fahrlässig

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Das Virus und die Welt: Abschottung: Ein ukrainischer Grenzer kontrolliert eine Frau.

Abschottung: Ein ukrainischer Grenzer kontrolliert eine Frau.

(Foto: AFP)

Manche Mächtigen nehmen die Krise nicht ernst, andere machen sie sich zunutze. Ein Überblick.

Von Silke Bigalke, Florian Hassel, Christoph Gurk

Lange reagierte Russland gelassen auf das Coronavirus, trotz 4000 Kilometern Grenze mit China. Die offizielle Zahl der Erkrankten lag am Montag bei 93. Aber: Seit Tagen steigt sie deutlich schneller. Und erstmals sollen sich nun Patienten in Russland selbst angesteckt haben: Eine Information, welche die Behörde für Verbraucherschutz zunächst veröffentlichte und dann wieder von der Seite löschte. Das ist nicht der einzige Grund für mangelndes Vertrauen in die Behörden. Deren Krisenmanagement wirkt zögerlich und inkonsequent: In Moskau hieß es erst, Eltern entscheiden, ob ihre Kinder weiter zur Schule gehen. Dann kündigte der Bürgermeister an, alle Schulen zu schließen. Krankenhäuser und Altenheime sind für Besucher geschlossen, doch Gottesdienste und Fußballspiele finden statt. Am Flughafen und in der Metro wird stichprobenartig die Temperatur der Passagiere gemessen.

Am Montagabend wurde bekannt, dass Russland wegen der Corona-Krise seine Grenzen für Ausländer schließt. Dies gelte von diesem Mittwoch an bis zum 1. Mai, teilte Regierungschef Michail Mischustin in Moskau mit. Ausgenommen von den Beschränkungen seien Diplomaten und Menschen mit ständigem Wohnsitz in Russland.

Zuvor hatte Moskau als strengste Maßnahme die Selbstquarantäne gewählt: Wer aus einem Land mit vielen Infektionen nach Moskau kommt, darf die Wohnung oder das Hotelzimmer zwei Wochen nicht verlassen. Das gilt etwa für alle, die innerhalb der EU unterwegs waren. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin hat angekündigt, die Quarantäne mithilfe öffentlicher Kameras und Gesichtserkennung durchzusetzen. Wer sie verletzt, dem drohen bis zu fünf Jahre Haft. Andererseits erklärte die Gesundheitsbehörde, seinen Hund dürfe man noch ausführen - mit Gesichtsmaske und wenn wenig Menschen auf der Straße sind.

Sobjanin widersprach am Montag dem Vorwurf, in Moskau seien in Wahrheit bereits viel mehr Menschen erkrankt. "Im Gegenteil, wir sind daran interessiert, die Stadtbewohner schnell über Erkrankungsfälle zu informieren", sagte er. Dennoch rätseln Experten über die niedrigen Zahlen. Die ersten beiden Infizierten, zwei Chinesen, wurden Ende Januar positiv getestet. Moskau hat den Grenzverkehr und den Handel mit China danach eingeschränkt, chinesischen Bürgern die Einreise seit Mitte Februar untersagt. Die Wirtschaft leidet unter dem Lieferstopp. Am Montag kündigte die Regierung an, die Wirtschaft mit einem Fonds zu unterstützen. Es gebe Reserven von vorerst umgerechnet 3,6 Milliarden Euro dafür. Zudem gibt es politische Konsequenzen: Auf Moskaus Straßen sind nun alle Veranstaltungen verboten - also auch Demonstrationen gegen die Verfassungsreform. Sie ermöglicht es Präsident Wladimir Putin, für zwei weitere Amtszeiten zu kandidieren. Doch zugleich kommt das Virus Plänen des Kreml in die Quere, die Bevölkerung am 22. April über die Verfassungsänderung abstimmen zu lassen.

In Polen steht im April die Präsidentschaftswahl an. Nachdem die Regierung öffentliche Treffen von mehr als 50 Personen verboten hat, stellten alle Kandidaten den Wahlkampf ein. Bis auf Staatschef Andrezj Duda: Der Präsident und Kandidat für die Wiederwahl reist im Armeepullover zu Grenzschützern, besucht Krankenhäuser, geriert sich als oberster Virus-Bekämpfer. Ex-Ministerpräsident Donald Tusk fordert die Verschiebung der Präsidentenwahl - Duda sieht dafür keinen Anlass.

In den USA hat nun auch US-Präsident Donald Trump begriffen, wie gefährlich das Coronavirus ist. Nachdem er die Ausbreitung lange verharmlost hatte, rief er am Montag alle Amerikaner dazu auf, Gruppen mit mehr als zehn Menschen zu vermeiden. Er appellierte auch an die US-Bürger, weitgehend auf Reisen sowie auf Besuche von Restaurants und Bars zu verzichten. Auf einer Pressekonferenz empfahl der US-Präsident außerdem, dass, wer kann, von zu Hause aus arbeiten solle. Kinder könnten ebenfalls in ihren Häusern und Wohnungen unterrichtet werden. Die verschärften Richtlinien sollten zunächst 15 Tage ausprobiert und dann bewertet werden. Trump ist in seiner Heimat heftig dafür kritisiert worden, dass er die Corona-Krise unterschätzt hat und es etwa kaum Möglichkeiten gab, sich auf das Virus testen zu lassen. Schon am 21. Januar wurde in den USA erstmals eine Infizierung festgestellt worden. Die Weltgesundheitsorganisation hatte wegen des Virus ebenfalls bereits im Januar einen Notfallausschuss einberufen.

Die Zahl der Infizierten in den USA ist auf weit mehr als 2000 gestiegen. In Brasilien versucht Präsident Jair Bolsonaro, die Gefahr weiter herunterzuspielen. So sprach er von "Hysterie", nachdem der Fußballverband am Wochenende bekannt gab, alle nationalen Wettbewerbe auszusetzen. Bolsonaro sprach in Bezug auf das Virus lange von "Fantasie". Dann wurden sein Kommunikationssekretär und weitere Mitarbeiter positiv getestet. Der Test beim Präsidenten selbst fiel negativ aus. Weil er Kontakt mit Erkrankten hatte, steht er nun eigentlich unter Quarantäne. Das hielt Bolsonaro aber nicht davon ab, am Sonntag Unterstützern in Brasília die Hände vor dem Präsidentenpalast zu schütteln und Fotos mit Handys seiner Fans zu machen. Die Opposition sprach von einer "Attacke auf die öffentliche Gesundheit" und "Angriff auf die Demokratie". Der Präsident wies sie zurück. Das Virus sei ein Problem, sagte er, es gebe Handlungsbedarf. "Aber die Wirtschaft muss funktionieren. Wir dürfen keine Welle der Arbeitslosigkeit haben."

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