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Das Virus und die Welt:Helfen, zögern, abschotten

FILE PHOTO: Light illuminates Mount Everest during sunset in Solukhumbu district also known as the Everest region

Die Frühjahrsexpeditionen fallen dieses Jahr aus: Blick auf den Mount Everest von Nepal aus.

(Foto: Navesh Chitrakar/Reuters)

China schickt Ärzte nach Italien, Großbritannien hält sich bei drakonischen Maßnahmen zurück und testet kaum. Das Touristenland Nepal fürchtet um seine Existenz.

Von Oliver Meiler, Arne Perras, Cathrin Kahlweit

Italien

In Italien gibt es trotz radikaler Maßnahmen Bürgermeister und Regionspräsidenten, die von der Regierung noch drastischere Dekrete verlangen. In Mailand wurden Stadtparks geschlossen, um die Bürger davon abzuhalten, ihre Wohnungen für einen Spaziergang im Grünen zu verlassen. Premier Giuseppe Conte verschloss sich den Forderungen nicht, sagte aber, dass eine weitere Verschärfung in die Verantwortung der Gouverneure falle. Bis Freitag waren in Italien 1266, vor allem alte Menschen durch das Coronavirus gestorben, allein innerhalb von 24 Stunden waren es 250 - drei Viertel von ihnen in der Region Lombardei. Zuletzt wuchsen die neuen Infektionsfälle dramatisch an. Der nationale Zivilschutz rief zum Blutspenden auf. Mit einem Charterflug schickte das chinesische Rote Kreuz neun Spezialärzte nach Italien, die schon in der Heimat gegen Covid-19 im Einsatz gewesen waren. Außerdem lieferte China 30 Tonnen Hilfsmittel: Geräte für die Ausstattung von Intensivstationen, insbesondere Beatmungsapparate, dazu Medikamente und Gesichtsmasken. Italiens Außenminister Luigi Di Maio sagte, er habe aus vielen Staaten Hilfe angeboten bekommen: "Das nenne ich Solidarität, wir sind nicht allein." Türkei Die Türkei stellt als Vorsichtsmaßnahme gegen die Verbreitung des Coronavirus Flüge nach Deutschland und in acht weitere europäische Länder vorübergehend ein. Von Samstagmorgen acht Uhr an werde es keine Flugverbindungen nach Deutschland, Österreich, Belgien, Dänemark, Frankreich, Norwegen, Niederlande, Spanien und Schweden geben, sagte der türkische Transportminister Mehmet Cahit Turhan am Freitag in Ankara. Die Maßnahme gelte vorerst bis 17. April. Die Zahl der bestätigten Coronavirus-Fälle in der Türkei stieg nach offiziellen Angaben auf fünf Personen.

Nepal

Nicht einmal in die eisigen Höhen kann man sich noch flüchten. Alle Frühjahrsexpeditionen auf den Mount Everest sind abgesagt. Den Anfang machte China, dann zog Nepal nach, das kleine Land im Himalaya schottet sich ab, Visa für Besucher sind von Samstag an bis 30. April ausgesetzt. Gewöhnlich erwarten die Nepaler die Bergsteiger aus aller Welt von Ende März an, jedes Jahr verdient die Regierung mit den Genehmigungen für den Everest vier bis sechs Millionen Dollar, das günstige Fenster für Besteigungen öffnet sich Mitte Mai. Voriges Jahr erklommen mehr Menschen als je zuvor den höchsten Berg. Das Trekking-Geschäft bildet den Kern des Tourismus in Nepal, die Vorsorge gegen das Virus trifft abrupt den wichtigsten Wirtschaftszweig in einem Land mit großer Armut.

Großbritannien

Großbritannien hinkt, was die Reaktionen auf die Corona-Epidemie angeht, stark hinter den meisten europäischen Ländern hinterher. Es gibt derzeit 798 bekannte Infizierte auf der Insel, aber das Motto der Regierung lautet offiziell, man könne die Ausbreitung nur verzögern und verschleppen, aber nicht verhindern. London will jetzt zwar die für den 7. Mai geplanten Kommunalwahlen in Großbritannien um ein Jahr verschieben. Doch es wird kaum getestet, drakonische Maßnahmen wurden nicht beschlossen, Kindergärten und Schulen bleiben geöffnet, Restaurants sind ausgebucht, viele Großveranstaltungen finden statt. In Cheltenham werden Pferderennen vor bis zu 250 000 Zuschauern ausgetragen, und die Veranstalter des berühmten Glastonbury Festivals gaben am Freitag, sehr optimistisch, ihr Programm für Juni bekannt. Derweil gibt Premierminister Boris Johnson den Krisenmanager: Das Land habe schon größere Herausforderungen überstanden, sagt er, und führt vor laufender Kamera persönlich vor, wie man sich die Hände wäscht. Die Briten selbst sind vorsichtiger als ihre Politiker, das gesellschaftliche Leben kommt langsam zum Erliegen - quasi freiwillig-unfreiwillig.

© SZ vom 14.03.2020
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