GlosseDas Streiflicht

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Es wird Zeit, dem Regen Abbitte zu leisten. Jahrhundertelang hat man ihn verteufelt, hat ihm die Schuld gegeben an der Sintflut, und selbst die Poeten ließen sich hinreißen, ihm „kühle Finger“ (Rilke) oder „Häuser voll Wasserspinnen“ (Klabund) anzudichten. Jetzt wissen wir es besser.

(SZ) Neulich versprach die Wetter-App Blitz, Donner und Wolkenbruch, und es war eine Lust, auf der Regenradar-Karte die heraufziehenden, dunkel gefärbten Unwetterfronten zu beobachten. Doch was geschah? Nichts. Nicht ein Tropfen fiel vom Himmel. So wie immer in diesem Sommer. Die Sonne, von keiner Wolke zur Mäßigung gezwungen, brennt hinunter auf die Stadt, wo der Asphalt Blasen wirft und Menschen ihre Hunde tragen, damit deren Pfoten nicht zu qualmen anfangen. Wer gute Beziehungen zum Fleischerhandwerk hat, verbringt den Tag im Kühlraum einer Metzgerei, andere bleiben im abgedunkelten Schlafzimmer und denken an Trump, damit ihnen kalte Schauer den Rücken runterlaufen. Bauern, deren Lieblingsmusik das Brummen subventionierter Traktoren ist, laden sich mit einem Mal Lieder auf ihr Handy, in denen das Glück imaginärer Momente beschworen wird: Gene Kellys „Singin’ in the Rain“, Zarah Leanders „Ich steh’ im Regen“ oder „Es wird Regen geben“ von den Fantastischen Vier – Letzteres ein Beispiel, dass selbst im schwäbischen Rap gelogen wird.

Was ist los mit dem deutschen Sommer? Der war doch früher mal ganz anders. Der ging mit Sonnentagen so sparsam um, dass sich der große Holländer Rudi Carrell gezwungen sah, in seinem Protestsong „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?“ über Nässe und sibirische Kälte Klage zu führen. Damals blieb den Deutschen gar nichts anderes übrig, als die Ferien in südlichen Ländern zu verbringen, um den Arbeitskollegen einen ordentlichen Sonnenbrand vorweisen zu können. Heute genügt es, ohne Kopfbedeckung von der Haustür zur Mülltonne zu laufen, um mit verbrannter Stirn zurückzukehren. Auch das Rasenmähen erübrigt sich, denn die Gräser sind längst verdorrt. Einige Landkreise haben bereits Bewässerungsverbote erlassen. Ordentlich verwässert wird allein der Klimaschutz. Nichts soll die Verwüstung des Planeten, das ehrgeizigste Menschheitsprojekt des Jahrhunderts, aufhalten.

Es wird Zeit, dem Regen Abbitte zu leisten. Jahrhundertelang hat man ihn verteufelt, hat ihm die Schuld gegeben an der Sintflut, und selbst die Poeten ließen sich hinreißen, ihm „kühle Finger“ (Rilke) oder „Häuser voll Wasserspinnen“ (Klabund) anzudichten. Kein Wunder, dass er sich kaum noch blicken lässt. Und wenn doch, dann wütet er so heftig, dass kein Flussbett ihn halten kann. Womöglich ist doch was dran an der Sintflut-Story. Aber Schwamm drüber. In der Regel ist der Regen ein Freund. Ohne ihn gäbe es kein Leben, ja nicht mal einen Regenbogen, den man für Instagram fotografieren könnte. Wenn also die Wetter-App ein Gewitter ankündigt, dann nichts wie raus in den Biergarten. Vielleicht hat man ja Glück. Vielleicht kommt ein Wolkenbruch. Wie sanft dann die Tropfen in den Kragen rinnen. Und auch das Bierglas wird wieder voll.

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