Das politische Buch Hintern hoch für die offene Gesellschaft

Proteste gegen eine Pegida-Demonstration in München

(Foto: Stephan Rumpf)

Die Buchautoren Harald Welzer und Ralf Fücks mobilisieren gegen alle "Starkerregten" und Revisionisten - der eine brachial, der andere staatsmännisch, aber beide mit guten Argumenten.

Von Dorion Weickmann

Im Oktober 2016 hält Harald Welzer einen Vortrag im Deutschen Theater Berlin. Der Soziologe und Mitbegründer der Zukunfts-Plattform Futur II propagiert die "Offene Gesellschaft", sprich: ein wandlungsfähiges Gemeinwesen, das seinen Bürgern demokratische Freiheit garantiert, sie zugleich in die Pflicht nimmt und alle Interessen auf dem Verhandlungsweg ausbalanciert. Es sei denn, "neurechte Hysteriker" melden Ansprüche an. Da hilft kein Dialog, da hilft nur "Konfliktbereitschaft", meint der Referent.

Bei der Publikumsdiskussion meldet sich eine "Transperson" (Welzer) zu Wort. Sie sei - Frauenkleider tragend - von Syrern attackiert worden. Welzer will es genau wissen: Waren es wirklich Syrer? Auf jeden Fall "Flüchtlinge", lautet die Antwort. Auf jeden Fall Muslime! Weil die nun mal Männer in Damengarderobe nicht akzeptieren. Sagt die "Transperson" und unterstellt damit stillschweigend, dass Christen, Europäer, Deutsche nie solche Probleme machen. Immer sind es "die anderen", behauptet ja auch die AfD.

Harald Welzer verkneift sich diese Replik, erzählt die krude Episode aber jetzt in seiner hinreißend schonungslosen Streitschrift "Wir sind die Mehrheit". Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass Intoleranz und Engstirnigkeit auch im metrosexuellen Laissez-faire-Milieu gedeihen, dann hat Welzer ihn geliefert. Bissig im Stil, hart in der Sache - seine rabiate Rhetorik ist vermutlich nicht jedermanns Sache.

Wer sich lieber staatsmännisch belehren lässt, ist mit der grünen Alternative - Ralf Fücksʼ "Freiheit verteidigen. Wie wir den Kampf um die Offene Gesellschaft gewinnen" - gut bedient. Der Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung schlägt gemäßigte Töne an, wo Welzer geradezu eruptiv mit Frauke Petry, Horst Seehofer und allen "Starkerregten" ins Gericht geht und dabei schon mal übers Ziel hinausschießt. Erdoğan gleich Hitler gleich Trump? Solche Genealogien sind postfaktischer Nonsens.

Korrekturen linker Unschärfe

Dass Fücks und Welzer inhaltlich über weite Strecken dʼaccord sind, hängt nicht zuletzt mit ihrem gemeinsamen Referenzrahmen zusammen. Beide rufen Karl Popper und dessen zweibändige, 1945 erschienene Studie "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde" als Kronzeugen auf. Poppers Auseinandersetzung mit totalitären Ideologien, diktatorischen Regimen, gewaltgetriebenen Herrschaftsformen hat so wenig an Aktualität eingebüßt wie seine Verteidigung demokratischer Gestaltungsräume und Werte.

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Anders als Welzer geht Fücks hier wirklich in die Tiefe und setzt sich kritisch mit Vordenkern von Karl Marx bis Peter Sloterdijk auseinander. Dabei gelingt ihm nicht nur eine kluge Relektüre kommunistischer Urschriften, sondern auch die Korrektur der einen oder anderen linken Unschärfe. So wenn er darauf aufmerksam macht, dass heutige Kapitalismuskritik genau das aufspießt, was Marx als historisches Verdienst der "Bourgeois-Epoche" feierte: die Entfesselung der Produktivkräfte. Nach der reinen Lehre ist schließlich der ausdifferenzierte, voll entwickelte Kapitalismus die Vorbedingung für jedes sozialistische Experiment.

Der Horizont, den Fücks mit dem Kompass des Historikers und Ökonomen abschreitet, lässt keine globale Konfliktzone aus. Deshalb geraten die deutschen Unwuchten bisweilen aus dem Blickfeld, obwohl das Buch als Kampagnenwerkzeug im Superwahljahr 2017 daherkommt: als Manifest einer auf- und abgeklärten grünen Weltsicht, die das System nicht mehr infrage stellt und seine neoliberalen, asozialen, umweltzerstörerischen Auswüchse lieber am Verhandlungstisch als auf Sponti-Demonstrationen niederringen will.

Der postmoderne Strukturalismus ist zur Karikatur geworden

Dagegen lässt Harald Welzer seinem Zorn durchaus die Zügel schießen, was die eigene, an Frieden und Wohlstand gewöhnte Generation ebenso wie den Nachwuchs betrifft. "Hört auf zu liken, hört auf durchzublicken. Hört auf zu glauben, dass ihr etwas tun könnt, ohne euren Arsch zu bewegen." So klingt sein brachialer Appell "an die Jugend". Genauso kriegen die älteren Semester, die Foucault-Jünger und Butler-Nachbeterinnen, ihr Fett ab.

Wo alles als "kulturell konstruiert" gilt, lässt sich, so Welzer, keine "sinnvolle Unterscheidung" mehr treffen. Recht hat er. Längst ist der postmoderne Strukturalismus zur Karikatur geworden: Seine Verfechter haben sich in den Parallel-Orbit des reinen Diskurses verabschiedet, statt nach gesellschaftlicher Realität und unser aller Verantwortung zu fragen.

Das Gebot der Stunde lautet nun: Hintern hoch! Sagen Fücks und Welzer unisono. Die Tatsache, dass das oft belächelte Ehrenamt sich 2015/2016 als unverzichtbar erwies, dass Scharen freiwilliger Helfer sich für die Aufnahme, Versorgung, Integration ankommender Flüchtlinge stark machten, ist ein lebendiges Plädoyer für die offene Gesellschaft.

Harald Welzer schlägt vor, die Bremser und Brachialrevisionisten, die "unser Land in ein Museum der Aversion gegen alles Neue und Offene" verwandeln wollen, zur Rede zu stellen: "Was habt ihr eigentlich vorzuweisen? Was könnt ihr denn so . . . außer schlechte Laune verbreiten und Leute aufhetzen?" Hervorragende Idee.

Harald Welzer: Wir sind die Mehrheit. Für eine offene Gesellschaft. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt 2017, 128 Seiten, acht Euro. Ralf Fücks: Freiheit verteidigen. Wie wir den Kampf um die offene Gesellschaft gewinnen. Hanser-Verlag, München 2017, 256 Seiten. 18 Euro.

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