Das Experiment:Abu Ghraib ist kein Zufall

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Die US-Regierung würde die Übergriffe ihrer Soldaten auf irakische Gefangene gerne als Einzelfälle abtun. Dagegen melden sich nun renommierte Prsychologen zu Wort: Schon vor Jahren entwickelten sich normale Studenten in ihren Experimenten zu Folterern.

Von Christopher Schrader

Ein Gefangener. Eine schwarze, unförmige Kutte. Ein Sack über dem Kopf. Dieses Bild, aufgenommen im Abu-Ghraib-Gefängnis bei Bagdad, ist zum Symbol der Unmenschlichkeit geworden - und der Krise, in die die amerikanische Regierung mit ihrer Irakpolitik geraten ist. Das sei das Werk Einzelner, versuchte die Bush-Administration die Vorfälle zunächst zu entschuldigen.

Doch nun hat sich auch ein berühmter Psychologe zu Wort gemeldet, um dieser Deutung aus Washington zu widersprechen. Phil Zimbardo ist Professor an der kalifornischen Elite-Universität Stanford. "Ich war überhaupt nicht überrascht über die Bilder", sagte er der New York Times. "Ich habe ganz ähnliche Bilder aus einem meiner Experimente." Eines davon zeigt: Drei Gefangene. Weiße, unförmige Krankenhaus-Nachthemden. Papiertüten über den Köpfen.

"Eine durchschnittliche Gruppe intelligenter Männer"

Das Bild entstammt der Internet-Dokumentation des berühmten Stanford-Gefängnis-Experiments. 1971 hatte Zimbardo 24 Studenten angeworben, für 15 Dollar am Tag. Es war, schreibt er, eine "durchschnittliche Gruppe von gesunden, intelligenten Männern".

Per Münzwurf wurden sie zu Wärtern oder Gefangenen bestimmt. Einen Kellerflur des Instituts verwandelten die Forscher zum Zellentrakt (www.prisonexp.org). Ein ähnliches Szenario lag 2001 dem Film "Das Experiment" zugrunde.

Der Anfang von Zimbardos Experiment war vorgeben: Zunächst neun der Gefangenen wurden in ihrer Wohnung verhaftet und abgeführt. Man nahm ihre Fingerabdrücke und brachte sie mit Augenbinde ins "Stanford County Jail", den Zellentrakt im Psychologie-Gebäude. Dort mussten sie sich zu einer Durchsuchung ausziehen.

Hungerstreiks und psychosomatische Leiden

Statt der Namen wurden nur noch Nummern benutzt. Die Prozedur, so Zimbardo, "ähnelt den Szenen, die vom Fotografen Danny Lyons in einem texanischen Gefängnis aufgenommen wurden".

Die Wärter hatten eine Khaki-Uniform bekommen, Trillerpfeife, Gummiknüppel und verspiegelte Sonnenbrillen. Mehrmals pro Schicht riefen sie die Gefangenen zum Zählappell auf den Flur. Wer dann aus der Rolle fiel, musste Liegestütze machen.

"Wir dachten zuerst, diese Form der Bestrafung sei unangemessen für ein Gefängnis. Später erfuhren wir jedoch, dass in Konzentrationslagern häufig Liegestützen als Strafe verhängt wurden", schreibt Zimbardo.

Am sechsten Tag pornographische Misshandlungen

Doch irgendwann, erschreckend schnell, entglitt den Forschern das Experiment. Vier Gefangene bekamen einen emotionalen Zusammenbruch, es gab Hungerstreiks und psychosomatische Leiden. Etwa ein Drittel der Wärter entwickelte eine sadistische Ader, demütigte die Gefangenen und verhängte willkürliche Strafen.

Schließlich, in der Nacht vom fünften zum sechsten Tag, begannen die Wärter, wie Zimbardo es zurückhaltend ausdrückt, mit "pornographischen und entwürdigenden Misshandlungen". Da brach der Professor das Experiment ab; die Bilder aus Abu Ghraib, die nackte Körper und grinsende Wärter zeigten, dürften ihm jetzt allzu bekannt vorgekommen sein.

Zimbardos Versuch ist nicht der einzige, an den Psychologen bei diesen Fotos denken. Anfang der 60er-Jahre lud Stanley Milgram an der Yale University zu einem Experiment, das angeblich die Rolle der Strafe beim Lernen erkunden sollte.

Die Teilnehmer wurden als "Lehrer" eingesetzt, die "Schülern" bei Fehlern Stromstöße verabreichen sollten: 15 bis 450 Volt. Hinter dem Lehrer saß der Experimentator im weißen Kittel und versicherte, er übernehme die volle Verantwortung.

"Lehrer" kannten keine Gnade gegen Schüler

Tatsächlich aber gehörte auch der "Schüler", der in einer abgeschirmten Kabine saß, zum Forschungsteam. Er spielte die Reaktion nur: Bei 180 Volt bat er um Gnade, dann schrie er um Hilfe, um bei 300 Volt zu verstummen. Trotzdem reizten zwei Drittel der Versuchspersonen die Spannungsskala bis zu den als lebensgefährlich gekennzeichneten Spitzenwerten aus. Keiner der "Lehrer" verweigerte vor 300 Volt den Gehorsam.

In der Psychologie gilt der Milgram-Versuch als Beweis, dass Menschen zu unglaublicher Grausamkeit fähig sind, wenn sie glauben, die Verantwortung auf Vorgesetzte abwälzen zu können. Auch diese Erkenntnis lässt sich womöglich auf den Irak anwenden, wo - wie die zuständige Generalin Janis Karpinski sagte - die Folterzellen unter Kontrolle des Militärgeheimdienstes standen.

"Das waren nicht ein paar faule Äpfel im Fass

"Wenn es keine Kontrolle von außen gibt", sagte Craig Henley, Zimbardos Kollege beim Stanford-Experiment und heute Psychologie-Professor in Santa Cruz, der New York Times, "dann verändert sich mit der Zeit die Wahrnehmung, was angemessen sei. Die Wärter erkennen gar nicht mehr, wie schlecht sie sich verhalten."

Zimbardo weist deswegen die Verteidigungslinie seiner Regierung zurück, es habe sich um die Taten einzelner, gestörter Individuen gehandelt. Tatsächlich sei die Situation des Krieges für die Exzesse verantwortlich. "Es waren nicht ein paar faule Äpfel im Fass. Wir haben gute Äpfel in ein schlechtes Fass gelegt. Dieses Fass des Krieges verdirbt alles, was es berührt."

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