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Damals und heute:Drei Prozesse, zwei Urteile

Der Fall Böttcher wurde eines der emotionalsten Gerichtsdramen in der Geschichte der Bundesrepublik. Hatte sie ihre zwei Töchter ermordet? Oder ihr Mann?

Von Cathrin Kahlweit

Monika Böttcher, einstmals verheiratete Monika Weimar, war Mitte August 2006 aus der Haft in einem hessischen Gefängnis entlassen worden. Danach arbeitete sie noch eine Weile in einer Frankfurter Anwaltskanzlei und soll dann nach Großbritannien gezogen sein. Damit verliert sich die Spur der Frau, die zwanzig Jahre lang so viel Medieninteresse auf sich gezogen hatte wie sonst kaum eine andere Angeklagte in einem Mordprozess im Nachkriegsdeutschland, von Rosemarie Nitribitt und Ingrid van Bergen vielleicht einmal abgesehen.

Die Frage, ob sie ihre zwei Töchter ermordet habe, um mit ihrem damaligen Freund, einem US-Soldaten, ein neues Leben beginnen zu können, oder ob vielmehr ihr Mann die Tat begangen hatte, um sie für die neue Beziehung zu bestrafen, spaltete jahrelang Öffentlichkeit und Medien. 35 Jahre liegt die Tat nun zurück, die begangen zu haben Böttcher stets bestritt. Insgesamt war die heute 62-Jährige zu 20 Jahren Haft verurteilt worden, kam jedoch nach 15 Jahren frei; Reinhard Weimar, den sie 1978 geheiratet hatte und der jahrelang wegen einer psychischen Erkrankung in Behandlung war, ist 2012 gestorben.

Sie oder er? Außergewöhnlich waren auch die Emotionen, die das Drama begleiteten

Das Justizdrama in vielen Akten - einem Urteil in Fulda, einer abgelehnten Revision, einer gescheiterten Verfassungsbeschwerde, einer Wiederaufnahme, einem Freispruch in Gießen, einer erneuten Revision und einem neuen Urteil in Frankfurt - führte letztlich dazu, dass Böttcher drei Mal vor Gericht stand und zweimal verurteilt wurde - ein historisch außergewöhnlicher Fall. Außergewöhnlich waren auch die Emotionen, die das Drama begleiteten und sich früh auf das simple Schema reduzierten: sie oder er? Feministinnen sprachen von einer Hexenjagd, das Magazin Stern finanzierte im Tausch für Exklusivrechte einen Teil der Prozesskosten, Boulevardblätter folgten Böttchers Ex-Lover bis in die USA, Mitpatienten von Reinhard Weimar in der Psychiatrie sowie eine Prostituierte gaben an, er habe ihnen die Tat gestanden.

Die Mutter der zwei Mädchen war im August 1986 wegen des Verdachts verhaftet worden, ihre beiden Töchter Karola und Melanie mit dem Auto zu einem etwa zehn Kilometer vom Wohnort im hessischen Philippsthal gefahren und dann nacheinander getötet zu haben. Sie selbst hatte anfangs ausgesagt, sie sei unterwegs gewesen, als die Kinder am Morgen verschwanden; diese Aussage ist als Tagversion in die Fallgeschichte eingegangen. Nach ihrer Festnahme sagte sie dann in der so genannten Nachtversion aus, sie sei in der Nacht zuvor nach Hause gekommen und habe ihren Mann über die toten Kinder gebeugt vorgefunden. Warum sie nicht sofort nach Hilfe oder der Polizei gerufen, sondern ihren Mann noch wochenlang gedeckt habe, begründete sie mit Schock und Schuldgefühlen. Doch letztlich glaubten ihr die Richter nicht.

© SZ vom 12.05.2021
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