Süddeutsche Zeitung

Dallas:"Wir müssen die Verzweiflung zurückweisen"

US-Präsident Barack Obama ehrt die ermordeten Polizisten bei einem Gedenkgottesdienst.

Von Hubert Wetzel, Washington

Im Beisein von US-Präsident Barack Obama hat Dallas am Dienstag der fünf weißen Polizisten gedacht, die vergangene Woche von einem schwarzen Attentäter erschossen worden waren. Obama nutze seine Rede bei einem Gedenkgottesdienst, um sich deutlicher als bisher hinter die Polizei zu stellen. "Das gesamte Leben in Amerika beruht darauf, dass das Recht Geltung hat", sagte er. Polizeibeamte seien in erster Linie dafür verantwortlich. "Die Arbeit von Polizisten ist wie keine andere - sie sind der Berufung gefolgt, ihr Leben aufs Spiel zu setzen." Dafür schulde die gesamte Gesellschaft ihnen Dank und Respekt.

In den Tagen seit dem Attentat von Dallas hatten hohe Polizeifunktionäre Obama vorgeworfen, die Beamten nicht ausreichend gegen Rassismusvorwürfe verteidigt zu haben. Ein Polizeivertreter ging so weit, Obama zu beschuldigen, er führe einen "Krieg gegen Polizisten", weil er auf die alltägliche Polizeibrutalität gegen Angehörige von Minderheiten hingewiesen hatte, vor allem gegen Schwarze. Der Präsident heize damit - ebenso wie die Protestbewegung Black Lives Matter - die Stimmung gegen die Polizei an.

Er prangert auch den Rassismus an, den es in der Polizei gibt

Obama stellte klar, dass er um die Gefahren wisse, denen Polizisten jeden Tag ausgesetzt seien. Wer zur Gewalt gegen Polizisten auffordere, erweise der Gerechtigkeit keinen Dienst. Die Bluttat von Dallas nannte er ausdrücklich ein "Akt rassistischer Gewalt". Er wisse auch, dass die Gesellschaft der Polizei Aufgaben aufbürde, die diese nicht bewältigen könne, so Obama. Amerika dulde bewusst Armut, Hoffnungslosigkeit, schlechte Schulen. Es sei in manchen Gegenden für einen Jugendlichen leichter, sich eine Pistole zu besorgen, als ein Buch oder einen Computer zu kaufen. Anstatt die wahren Gründe für diese Probleme anzupacken, erwarte die Gesellschaft, dass die Polizei sie löse.

Obama scheute allerdings auch nicht davor zurück, den Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft anzuprangern, den es auch in der Polizei gebe. Der Rassismus "ist nicht einfach verschwunden, weil Martin Luther King eine Rede gehalten hat oder Schwarze das Wahlrecht bekommen haben" - auch wenn sich das Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen in den vergangenen Jahrzehnten "dramatisch verbessert" habe. Es sei einfach eine statistisch nachweisbare Tatsache, dass Schwarze und Latinos öfter von der Polizei angehalten und durchsucht oder Opfer von Polizeibrutalität würden. Dieses Problem offen zu benennen, habe nichts mit politischer Korrektheit oder unfairer Kritik an der Polizei zu tun, wie manche Kritiker behaupteten. Es sei für einen jungen Schwarzen schlicht und einfach gefährlicher, Ärger mit der Polizei zu bekommen, als für einen jungen Weißen. Das wisse jeder, und darüber müsse Amerika reden. "Es geht darum, Einigkeit zu finden, den Zynismus zu bekämpfen und den Willen dafür aufzubringen, etwas zu ändern."

"Ich war bei zu vielen dieser Veranstaltungen", sagt das Staatsoberhaupt

Obama hat in seiner Amtszeit immer wieder bei Gedenkveranstaltungen für die Opfer von Massenschießereien und Attentaten gesprochen. Wie jedes Mal sprach er auch in Dallas wieder über die Flut an Feuerwaffen, in der Amerika ertrinke. "Ich war bei zu vielen dieser Veranstaltungen", sagte der Präsident fast resigniert - zu oft habe er erlebt, wie der erste Zusammenhalt wieder verschwände, wie Politiker versuchten, aus der Tragödie für sich Kapital zu schlagen. "Ich gebe zu, auch mir kommen manchmal Zweifel."

Doch Obama mahnte die Amerikaner, nicht aufzugeben. Er könne verstehen, wenn die Menschen unsicher seien. Die Gewalt der jüngsten Zeit, die tödlichen Schüsse weißer Polizisten auf Schwarze, das Blutbad von Dallas, hätten die tiefen Risse in der amerikanischen Gesellschaft offengelegt, sie vielleicht sogar verbreitert. Zurecht fragten sich die Menschen, ob die Kluft zwischen Schwarzen und Weißen jemals wirklich überbrückt werden könne, wenn sich die Polizei und die schwarzen Gemeinden scheinbar so unversöhnlich gegenüberstünden und die Sichtweise der jeweils anderen Seite nicht akzeptierten. "Aber wir müssen die Verzweiflung zurückweisen", sagte Präsident Obama. "Wir sind nicht so gespalten, wie wir es glauben. Ich sage das, weil ich Amerika kenne. Ich weiß, wie weit wir es trotz aller Widerstände gebracht haben. Ich weiß, dass wir es schaffen, weil ich es selbst in meinem Leben gesehen habe."

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SZ vom 13.07.2016
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